Als Nachbar unerwünscht
Eigentlich sollte es auch eine Station im Rathaus geben, wird uns mitgeteilt, da dort aber gerade eine Sitzung stattfinde, würden wir das Ergebnis der Abstimmung, an der wir gerade teilnehmen, etwas später erfahren. Und zwar hier auf dem Platz vor dem Rathaus, das mit seinem malerischen Fachwerk wie ein Farbtupfer in einer Stadt steht, deren Erscheinungsbild durch eine große Zahl von Studierenden geprägt wird, die auch in der Altstadt für eine Anmutung von Weltoffenheit sorgen.
Dass hier nicht immer alle weltoffen waren, belegen die Stolpersteine, mit denen Tübingen an einen antisemitischen Strang der Stadtgeschichte erinnert – womit wir wieder auf dem Platz vor dem Rathaus wären, auf dem an diesem Abend die Theaterbesucher einer immersiven Stadtbegehung stehen und die Bürgermeisterin der Stadt in Gestalt einer Schauspielerin auftritt und zu Protokoll gibt, sie sei enttäuscht und fassungslos, schließlich habe sie sich in Bezug auf «die Einführung einer 30-Prozent-Quote für jüdische Abgeordnete im Stadtrat» nicht durchsetzen können. Der Antrag sei abgelehnt worden, sagt sie, verspricht aber, «die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen». Mit Vergangenheit könnte sie unter ...
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Theater heute März 2025
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Jürgen Berger
Zwei Tische auf der Bühne, alte Schultische. Voll mit Büchern und einer Schreibmaschine der eine, voll mit Schuhen, Leder und Werkzeug der andere. Von einander abgewandt sitzen davor, an entgegengesetzten Punkten der Peripherie der Drehbühne, Lenú und Lila, die zwei Freundinnen aus Grundschultagen. Wer ist hier die geniale? Auch in Elena Ferrantes vierbändigem...
Eine solche Stimmung erlebt man selten im Theater. Kaum erklingen auf der Bühne die ersten Töne eines türkischen Liedes, klatscht das Publikum begeistert mit, singt, pfeift und filmt mit dem Handy. Istanbul, «ein musikalischer Abend» von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Sipal am Schauspiel Essen, schafft es, auch die Menschen zu erreichen, deren...
Es regnet. Im ersten Moment, als der Vorhang über dem Haus von Orgons Familie aufgeht und ein Klavier samt Spieler neben einem von sturzbachartigen Wassermassen getrübten Panoramafenster freigibt, könnte man noch meinen, eine noble Hotellobby mit Wasserfall vor sich zu haben. Doch die wenigen Lampen flackern, und schon bald trippelt die erste Gestalt mit...
