Als Nachbar unerwünscht
Eigentlich sollte es auch eine Station im Rathaus geben, wird uns mitgeteilt, da dort aber gerade eine Sitzung stattfinde, würden wir das Ergebnis der Abstimmung, an der wir gerade teilnehmen, etwas später erfahren. Und zwar hier auf dem Platz vor dem Rathaus, das mit seinem malerischen Fachwerk wie ein Farbtupfer in einer Stadt steht, deren Erscheinungsbild durch eine große Zahl von Studierenden geprägt wird, die auch in der Altstadt für eine Anmutung von Weltoffenheit sorgen.
Dass hier nicht immer alle weltoffen waren, belegen die Stolpersteine, mit denen Tübingen an einen antisemitischen Strang der Stadtgeschichte erinnert – womit wir wieder auf dem Platz vor dem Rathaus wären, auf dem an diesem Abend die Theaterbesucher einer immersiven Stadtbegehung stehen und die Bürgermeisterin der Stadt in Gestalt einer Schauspielerin auftritt und zu Protokoll gibt, sie sei enttäuscht und fassungslos, schließlich habe sie sich in Bezug auf «die Einführung einer 30-Prozent-Quote für jüdische Abgeordnete im Stadtrat» nicht durchsetzen können. Der Antrag sei abgelehnt worden, sagt sie, verspricht aber, «die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen». Mit Vergangenheit könnte sie unter ...
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Theater heute März 2025
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Jürgen Berger
Kurz vor Schluss versuchen beide Berliner Inszenierungen noch etwas rumzureißen. In Georges Bizets «Carmen» in der Regie von Christian Weise wendet sich Lindy Larssons stolze Romni, gerade noch vor die Wahl gestellt, ihr freies Leben aufzugeben oder erstochen zu werden, direkt ans Publikum und ermutigt es mit Erfolg, selbst das Lied des Toreros Escamillo...
Tilda musste zu früh erwachsen werden. Nach dem Unfalltod ihres Schulfreundes Ivan studiert die junge Frau jetzt Mathematik, jobbt an der Supermarktkasse und muss sich von ihrer lebensfrohen Freundin Marlene Vorhaltungen machen lassen, dass sie immer noch in der Kleinstadt festsitzt. Tilda aber kann nicht weg: Jemand muss sich um ihre elfjährige Schwester Ida...
Die Cheche Gallery auf dem Gelände des Nationaltheaters platzt aus allen Nähten. Immer neue Zuschauer:innen kommen herein, setzen sich auf und neben die Hocker, die locker um eine frei stehende Badewanne und einen mit Büchern und Manuskripten überwucherten Schreibtisch gruppiert sind. Zwischen all den Menschen kniet eine leise wimmernde junge Frau, rutscht wie in...
