Alles und noch mehr
Ein großer leerer Raum, eingefasst in einen Gaze-Rahmen. Boden und Wände zeigen Spuren von einem geräumten Leben. An der Wand sitzt Angela (schön verbittert: Christine Zart) und starrt auf einen Kaktus. Räumungstag. Um Punkt 18 Uhr muss die Wohnung verlassen sein, und als Meike (Ulrike Knobloch als hilflos desillusionierte Räumungsbevollmächtigte) von der Wohungsvermietungs-GmbH auftritt, nimmt das Sozialdrama seinen Lauf. Akkurates Desinteresse trifft auf maximale Bockigkeit, und das Machtspiel zwischen Repression ohne Grund und humanistischem Widerstand kann beginnen.
Draußen, in Szenen vor geschlossener Gaze-Wand, treibt derweil der Obdachlose Herr Hübsch (immer gut gelaunt: Gunnar Blume) seine Spielchen mit Klappbank und Rucksack, träumt von den Gesprächen in den warm erleuchteten Fenstern, von Stuck und Kronleuchtern und seinen Sommern auf Rügen, wo er an einem antiken Steingrab seinen perfekten Schlafplatz hat. Immer froh gelaunt berichtet er im Laufe des Abends von seinem Leben als Tippelbruder mit den bürokratischen Anmeldeprozeduren in den Städten, den Wärmebussen im Winter und dem romantischen Plattemachen an der Ostsee im Sommer. Er erzählt, wie seine Freundin ihn ...
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Theater heute August-September 2025
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Torben Ibs
Friedrich Schiller, so lässt sich vermuten, dürfte in unserer Epoche einer regelrechten Schreibwut verfallen. Wo angesichts wiedererstarkender Despotien Repressionen zur neuen globalen Normalität gehören, wird sein Ruf nach Freiheit selbst mehr als zwei Jahrhunderte nach seinem Tod 1805 nicht leiser. Studieren konnte man seine uneingeschränkte Aktualität just bei...
«Wahrheit!», knallt es zu Techno-Beats in den Zuschauerraum zwischen all den Interviewfetzen, die hier in einer Art Live-Videoclip auf dem schneckenförmigen Bühnenpodest in die Kamera gehämmert werden. Die großformatigen Köpfe auf dem Gazevorhang ballern erstmal alle wach. Die kurzen prägnanten Sätze sind herausgepickt aus 50 Interviews, die ein Team um Regisseurin...
Der Titel der allerletzten Premiere klingt wie ein schlechter Witz, lässt ein doofes Wortspiel ahnen. «Sex» lautet dieser, «Sex» wie sechs Jahre Intendanz? Doch höchstvermutlich wurde auch dieses Mal, wie so oft, Sex mit Liebe verwechselt. Denn Liebe will man dem Hannoveraner Publikum zum Schluss noch mal geben. Inhaltlich aber geht es um Sex, und zwar in drei...
