Alles für die Fische
Angst im Theater? Kein Genre scheint so ungeeignet für die Bühne wie der Horror. Brutaler Realismus funktioniert selten, weil ohnehin klar ist, dass die Akteure am Ende putzmunter zum Applaus antreten werden. Splatter ist etwas fürs Kino. Wäre da nicht der Wiener Puppenspieler Nikolaus Habjan, der schon öfter das Gegenteil beweisen konnte: Selten hat man brutalere, zartere, überraschendere Todesfälle erlebt als in seinen Inszenierungen.
Das Paradoxon seiner Klappmaulpuppen: Man weiß, dass es sich um leblose Materie handelt, die da gefoltert und getötet wird, aber hat mitunter mehr Mitleid als mit echten Schauspielern*innen.
Dieses Argument mag mitgespielt haben, wenn Habjan nun im Akademietheater die Dramatisierung einer tschechischen Horror-Novelle zeigt, an dessen Ende die Auslöschung einer ganzen Familie steht. «Der Leichenverbrenner» (1967) von Ladislav Fuks spielt in den 1930er Jahren in einem städtischen Krematorium. Die Nationalsozialisten okkupieren im Laufe der Geschichte die Tschechoslowakei, aus dem braven Familienmenschen und Ästheten Karl Kopfrkingl, der weder Alkohol trinkt noch raucht, der an den Dalai Lama und die Wiedergeburt glaubt, wird ein Monster, das seine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Karin Cerny
Als die Mauer fiel, musste er erst mal Schlange stehen: Heiner Müller war auf dem Sprung nach New York, plötzlich musste er sich hinten anstellen. Das Ende der DDR bedeutete für ihn zunächst das Ende der Privilegien. Schon 1975 war er zum ersten Mal in die USA gereist. Er blieb mehrere Monate, überzog sein Visum. Niemand rechnete mehr mit seiner Rückkehr, Ruth...
Immer wieder wird darüber geklagt, dass zu viele Romane als Dramen auf die Bühnen kommen. Bitte sehr: Hier hätten wir endlich einmal den umgekehrten Fall! Christoph Nußbaumeder hat sich sein ohnehin schon voluminöses Stück «Eisenstein» (2010 uraufgeführt in Bochum) vorgenommen und daraus ein wuchtiges, knapp 700-seitiges Prosawerk gemacht. Aus einer Szenenfolge,...
Dem europäischen Theater ist die Sorge vor der Ansteckung mit Krankheiten bereits in der Antike vertraut. Miasmen und Pesthauch, später dann Bakterien und Viren sind die unsichtbaren Akteure der europäischen Theatergeschichte. Maßnahmen der Vorbeugung, der Prävention, aber auch die Angst vor der Ansteckung und dem Fremden haben den Ort des Theaters in der...
