Alexander Sokurow verfilmt Goethes «Faust»

Alexander Sokurow hat Goethes «Faust» verfilmt und dafür in Venedig den Goldenen Löwen erhalten

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Der Anfang ist rauschhaft – aber schnell verflogen. In den Wolken hängt ein zierlicher Spiegel, die Kamera schwebt durch die Lüfte und senkt sich nach einem weiten Panorama-Schwenk auf eine Stadt am Meer und in gebirgigem Tal. Oder doch eher auf eine Fantasy-Landschaft von Mittelerde? Eingekuschelt in den Mutterboden wie – Referenz an F.W. Murnau – in den Faltenwurf des Mantels von Mephisto­pheles Emil Jannings und dessen diabolischen Schatten.

Alexander Sokurow landet nach dem Höhenflug, der sich von einer Google-map-Erkundung kaum unterscheidet, im Mikrokosmischen: dem Gekröse.

In einem Schuppen greift ein missmutiger Mann ins pralle Menschenleben und fuhrwerkt im offenen Unterleib einer Leiche, assistiert von einem Gesellen, der wienerischen Akzent pflegt. Auch zu Zeiten von Goethe muss die Generation Praktikum schon örtlich flexibel gewesen sein. Famulus Wagner (Georg Friedrich), von naiv devoter bis vorwitziger Penetranz, und der zum «Professor» promovierte Faust suchen die Seele in diversen Körperabteilungen, wobei der seiner Gelehrsamkeit überdrüssige Skeptiker sie am wenigsten im Kopf vermutet.

Mit seinem auf Deutsch gedrehten «Faust» beendet der 1951 geborene Sokurow eine ...

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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Andreas Wilink

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