40 Jahre Systemfragen
«Was interessiert mich Kohle?», heult Orgon leise verzweifelnd und wälzt sich voll Selbstmitleid auf dem Boden.
Den Hausherrn in Molières «Tartuffe» hat es in Soeren Voimas Nachdichtung der unverwüstlichen Betrügerkomödie in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verschlagen, und ökonomisch steht er anfangs da, wo man in der guten alten sozialen Marktwirtschaft als halbreicher Erbe damals eben so stand: Das heruntergewirtschaftete Gründerzeitmietshaus zwar als Eigentumshintergrund, aber die Freund:innen wohnten mietfrei, das Konto war leer, und man stand politisch in irgendeinem Fantasielinks zwischen K-Gruppe, Marxismus-Seminar und, nun ja, notgedrungen SPD.
Das monetäre Desinteresse wird sich bald ändern, denn ab da geht es im Schweinsgalopp durch die Zeiten. «Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie» folgt streng der gleichnamigen Wirtschaftsanalyse des französischen Starökonomen und Bestsellerautors Thomas Piketty, der die Einkommens- und Vermögensverteilung seit der Französischen Revolution, vor allem aber seit dem Einsetzen der neoliberalen Wende durch Ronald Reagan oder Margaret Thatcher untersucht hat. Damit wäre der Hauptschurke im Stück auch schon benannt, denn ein ...
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Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
Männer sind in der Literatur definitiv das schwache Geschlecht. Peter Handkes Sprechstück «Publikumsbeschimpfung» (1966) wirkt im Vergleich zu Lydia Haiders feministischer Hass-Suada «Zertretung – 1. Kreuz brechen oder Also alle Arschlöcher abschlachten» wie ein niedlicher Kindergeburtstag. Bei Haider wird kurzer Prozess gemacht mit prominenten österreichischen...
Jakob Hayner und Erik Zielke haben, ermuntert durch Dietmar Dath (den Autor, Fantasyfilm-Experten und Verfasser des unbekümmert spekulatives Denken bekundenden Romans «Die Abschaffung der Arten») und durch den Dramaturgen Bernd Stegemann, einen Reader mit Schriften des ungarischen Philosophen Georg Lukács aus den Bereichen Ästhetik, Realismus und Theatergeschichte...
«An Liebe stirbt man nicht», schrieb Jorinde Minna Markert kürzlich über Femizide im Theater, «man stirbt am Patriarchat.» Hier also noch so eine Bühnentote: «Yvonne, die Burgunderprinzessin». Eine unansehnliche, weitgehend stumme Frauengestalt, die der polnische Autor Witold Gombrowicz 1938 erfand. Als provokanter Störfaktor erscheint die Fremde eines Tages bei...
