Die Kunst der Bescheidenheit
Eine gehörige Portion Frechheit gehöre schon dazu, räumt Tristan Vogt ein und ordnet auf dem wackligen Campingtisch die Welt neu. Es ist Kafkas Welt in diesem Fall, aber das sieht man der Szenerie eigentlich gar nicht an. Klischees haben auf der Resopalplatte sowieso keinen Platz. Das Schloss, um das es hier gehen soll, muss man sich auch denken; das Dorf besteht nur aus ein paar Holzstücken und Pappkartons, die schon mal zu Betten und Dachkammern umfunktioniert werden können; zehn Flachmänner können gut eine Theke sein; von Schnee und Düsternis und Geheimnis keine Spur.
Und die Personen stehen die meiste Zeit nur stocksteif herum.
Gerade hat allerdings der Landvermesser K. ziemlich wütend den Tisch verlassen (Vogt packte ihn in seiner ganzen Größe von etwa 20 Zentimetern und drehte sich mit ihm in der Faust energisch ins Abseits). Die Wirtin, unter deren enormem Vorbau das Kerlchen K. immer so verschüchtert verschwindet, bleibt wie angewurzelt zurück; an der Tischkante aber lauern die Gehilfen, zwei grob geschnitzte Holzklötze: Vogt hat das unzertrennliche Pärchen so zusammengesteckt, dass es sich gegenseitig durch die Beine gucken kann, auf dass ihm nichts entgehe.
Eine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die alte Milchfarm wirkt mit ihren rotgestrichenen Ställen wie aus einem Neuengland Bilderbuch, und der Broadway ist weit weg. 1994 richtete sich hier, im dünnbesiedelten Hügelland im Westen von Massachusetts, das «Double Edge Theatre» als Laboratorium ein. Stacy Klein hatte das Theater rund zehn Jahre zuvor in Boston als eine feministische Truppe gegründet, die...
Als glotzäugiger Mädchenschlitzer Schrott mit den süßen «Igeln» hat Gert Fröbe 1958 für Generationen von Fernsehzuschauern den Prototyp des Mitschnackers verkörpert. Die Verfilmung eines Dürrenmatt-Drehbuchs unter dem Titel «Es geschah am hellichten Tag» bot mit Fröbe und seinem Gegenspieler Heinz Rühmann zwei einprägsame Modelle für kranke Zielstrebigkeit unter...
Welchen unerhörten Frevel habe ich begangen, dass ich von Stefanie Carp als «wetternder» Eiferer «mit reichlich Schaum vor dem Mund» hingestellt werde? Ich habe in einem längeren Essay die Formen des aktuellen, modischen Marx-Hypes kritisiert. Ich habe darauf hingewiesen, dass er nur so schön glatt funktionieren kann wie das gegenwärtig der Fall ist, wenn die...
