Lest Marx, bis euch der Kopf raucht!
Welchen unerhörten Frevel habe ich begangen, dass ich von Stefanie Carp als «wetternder» Eiferer «mit reichlich Schaum vor dem Mund» hingestellt werde? Ich habe in einem längeren Essay die Formen des aktuellen, modischen Marx-Hypes kritisiert. Ich habe darauf hingewiesen, dass er nur so schön glatt funktionieren kann wie das gegenwärtig der Fall ist, wenn die Marxschen Hauptthesen aus ihrer Wirkungsgeschichte, bis hin zum einstmals real existierenden Sozialismus, herausgelöst werden.
Ich habe außerdem bezweifelt, dass die allseits – und zwar nicht nur von Linken – so hoch gepriesene Marxsche Kapitalismusanalyse tatsächlich derart unerlässlich für das Verständnis unserer Gegenwart sei, wie es allseits behauptet und mittlerweile in jeder Talk-Show nachgeplappert wird.
Raunende Modernekritik
Was Marx heute wieder so attraktiv macht, so meine Gegenthese, sind nicht seine vermeintlich einzigartigen wirtschaftstheoretischen Erkenntnisse – von Ökonomie verstehen die wenigsten seiner Verehrer allzu viel. Es ist vielmehr seine raunende Moderne- und Entfremdungskritik, seine Verdammung der Warengesellschaft als dem diabolischen Medium der Entäußerung des vermeintlich authentisch ...
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Theater heute August/September 2009
Rubrik: Debatte: Marx oder Murks, Seite 60
von Richard Herzinger
In der ersten Szene von Tschechows «Die Möwe» erklärt der arme Dorflehrer Medwedenko der Tochter des Gutsverwalters, Mascha, zum vermutlich x-ten Mal seine große, aber leider völlig unerwiderte Liebe. Mascha weist ihn routiniert, aber freundlich ab. Mit dieser Szene springt Tschechow ansatzlos ins Stück, und sie ist in unzähligen «Möwe»-Inszenierungen als...
1978 «Leonce und Lena», Büchner, Volksbühne Berlin
«Mein Herr, was wollen Sie von mir?» Ein schlaksiger junger Mann im hellen, heruntergekommenen Anzug, die Melone tief ins Gesicht gezogen, hat die Bühne betreten. Auf der leeren, öden Szene, von einer schäbigen Treppe gebildet, die sich im Orchestergraben verliert, ein einsamer Stuhl. Aus einer 08/15-Aktentasche...
Elegant schlägt die Frau im weißen Petticoatkleid und Pumps auf ihrem Stuhl sitzend die Beine übereinander. Ein Mann im dunklen Anzug steht etwas schüchtern vor ihr und versucht, ihr Komplimente zu machen. «Ein schönes Kleid haben sie da», sagt der Mann. «Dankeschön», erwidert die Frau. Doch jetzt verschlägt es ihm die Sprache. Er weiß nicht weiter, woraufhin ihm...
