Der Dramatiker und sein Double
Dennis Kelly rollt den Fall einer jungen Mutter auf, die überraschend ihre zwei kleinen Kinder verloren hat. War es Mord oder plötzlicher Kindstod? Diese Frage spaltet die Familie, die Wissenschaft, die Justiz und geht durch alle Medien. Kelly ist bei diesem Dokumentar-Stück ein Zuschauer, er sitzt im Publikum und mischt sich gelegentlich ein. Er fragt seine Figuren beiläufig und mehr oder weniger geschickt nach ihrer Version der Ereignisse. Sie assoziieren sprunghaft, sind öfters verlegen und verstummen. Wir befinden uns in einer Live-Interview-Situation.
Der Ehemann, der um seine Kinder trauert, spricht ihn an: «Mr. Kelly, Sie sind ein Parasit, eine Made, die niedrigste Lebensform, ein Monster, ein Aasgeier, ein widerwärtiges Stück Scheiße, und ich kann nur beten, dass sie von einer unheilbaren Krankheit befallen werden wie Krebs.» Er wirft ihm vor, dass er seinen Schmerz zu Zwecken der Unterhaltung missbrauche. Kelly lüge, wenn er sagt, dass es ihm um die Wahrheit gehe, denn es geht ihm nur um die Verwertung dieser Extremsituation in einem Theaterstück und um seine Karriere als Dramatiker. Dieser Moment beschreibt, was das Stück auszeichnet: Es organisiert die Perspektiven der ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 166
von Karl Baratta
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