Die feinen Unterschiede
Der Horror beginnt ganz leise. Birgit Minichmayrs Gitti, PR-Frau beim Musikkonzern Universal, ist ein Mädchen zum Pferdestehlen: unkompliziert, humorvoll, selbstbewusst, und wenn sie ihren Freund halb zärtlich, halb trampelig Richtung Familiengründung zu bugsieren versucht («Komm, wir lassen mal die Kondome weg»), hat das unbedingt Charme.
Dazu passt ihr gewitzter Umgang mit Kindern, wie eine Szene am Anfang beweist, als sie Chris’ nörgelige kleine Nichte auffordert, zu ihr in verschiedenen Tonlagen «Ich hasse dich!» zu sagen, sich pantomimisch erschießen lässt und schließlich filmreif in den Pool stürzt. Aber hat sie nicht auch etwas – Ordinäres? Die goldglänzenden J-Lo-Shorts, die kurz unter der Pobacke abschließen, die überzupften Augenbrauen, die Art, wie sie das Kreuz durchdrückt: Das sind so habituelle Kleinigkeiten, die einen – wenn auch nur um Nuancen – anderen Hintergrund ahnen lassen als den ehrgeizigen und doch zutiefst mittelständischen von Chris’ Eltern, von dem sich der Sohn schon wieder absetzen will – nach oben.
Lars Eidingers Jung-Architekt Chris ist noch Kind genug, um aus Ingwerknolle und Streichhölzern «Schnappi» zu basteln, den er bei nächstbester ...
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