Highway zum Himmel

Jetzt wird auch in der Berliner Staatsoper gezittert. In «vsprs» ist Alain Platel der Hoffnungslosigkeit auf der Spur

Theater heute - Logo

Es ist umsonst. Egal, was der Tänzer im blauen Ringelshirt mit dem Laib Brot in der Hand auch anstellt, es wird ihn nicht satt machen. Er drückt das Brot kräftig an seine Brust, klemmt es sich unters Kinn, versucht es mit geballter Kraft zu brechen, bis er schließlich mit seinen Fingernägeln auf ihm herum kratzt, dass es einem kalt den Rücken runter läuft. Irgendwie gelingt es ihm doch noch, ein Stück davon abzubeißen, nur um es sofort wieder auszuspucken. – Was der Tänzer Elie Tass zu Beginn von Alain Platels neuem Stück «vsprs» ausspuckt, ist jedoch nicht nur das Brot.

Es ist zugleich ganz symbolkräftig der Leib Christi und mit ihm der Glaube und die Bindung an ein höheres Wesen und seinen Wertekanon. Die Tänzer werden beides während der drauffolgenden 100 Minuten, die das Stück an der Berliner Staatsoper Unter den Linden dauert, nicht wieder gewinnen. 

Während Tass mit den Requisiten der Eucharistie kämpft, zieht sich neben ihm der Tänzer Ross McCormack blitzschnell aus. Er strampelt die Schuhe weg und wirft seine Anzugshose zur Seite (Kostüme: Lies van Assche), wobei er einen regelrechten Veitstanz aufführt, der typisch ist für die Bewegungssprache des Stücks. Rosalba Torres ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2006
Rubrik: Tanz- und Musiktheater, Seite 28
von Gerald Siegmund

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bitte nicht streicheln!

Das Burgtheater feiert Geburtstag. Im Herbst vor genau fünfzig Jahren wurde das im Krieg ausgebrannte Haus wieder eröffnet. Aus gegebenem Anlass stehen in der Jubiläumsspielzeit 05/06 dieselben vier Stücke wie damals auf dem Spielplan. Die Geschenkidee ist nicht sonderlich originell, aber naheliegend: Ein Theater feiert Jubiläum, indem es das macht, was es ohnedies...

Hass und Glamour

Zwei Filme im Panorama-Programm, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: «Absolute Wilson», ein Glamour-Film über ein Glamour-Genie, und «Hamburger Lektionen», die spröde Dokumentation eines gesellschaftlichen Tatbestands, von dem man, außer dass er existiert, nichts weiß. Beide Filme wollen Informationen weitergeben und bedienen sich der jeweils angemessenen...

Der schärfste Macker im Viertel

Andreas Dresen hat sich früher einmal, in seinem höchst erfolgreichen Experimentalfilmer-Alltag, noch mit einer «halben Treppe» irgendwo in Ex-Ost-Deutschland an der Oder zufrieden gegeben. Jetzt macht er gerade Oper in Basel am Rhein, und da wird er unweigerlich zum monumentalistischen Gesamtkunstwerker. Klar hat ihn die halbe Treppe damals wie kein weiterer Film...