vortex temporum
So sensibel. So unglaublich behutsam – man fürchtet fast, das feinstoffliche Gewebe, das sich dort auf der Bühne entspinnt, kann die grob-poltrige Realität einer Zuschauerschar kaum aushalten. «Vortex Temporum», ein «Zeitenstrudel», in den Tänzer und Musiker mit überwachen Sinnen, hoch empfindsamen Körpern gesogen werden, hin zu einem Verschwinden, zum Verlöschen des ganz wörtlich zu verstehenden Da-Seins, der Präsenz auf einer Theaterbühne.
Es scheint, als würde Anne Teresa De Keersmaeker derzeit mit jedem Stück zarter.
So überbrachte sie zuletzt in der großartigen «Partita 2», ihrem Duo mit dem französischen Choreografen Boris Charmatz, die humanis-tische Botschaft bereits ganz rein und doch fragil dosiert: ein Paar, das sich tanzend immer mehr findet, sich stützt, hält, trägt – spielerisch wie Kinder, fürsorglich wie zwei Versehrte. Und irgendwann in diesem perfekt einfachen Tanz zu Bachs Violin-Komposition treten die beiden ganz nah ans Publikum und berühren mit präzis choreografiertem Gebärdenspiel das eigene Gesicht: eine fortgetupfte Träne, das Wegpusten einer Wimper von der Fingerspitze, das sanfte Streichen über die Denkerfalte auf der Stirn. Eine so bezaubernde ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz November 2013
Rubrik: produktionen, Seite 8
von Nicole Strecker
Kulturkampf in der Hauptstadt. Es ringen: die Freie Szene und die Politik. Im Frühherbst kulminierte die Auseinandersetzung um mehr Geld, kurz vor den entscheidenden Lesungen des Doppelhaushalts 2014/15 im Berliner Abgeordnetenhaus. Mit einer großangelegten Kampagne machten die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler auf ihre Forderungen aufmerksam, luden zu...
Die Rippen werden aufgebogen, Sehnen und Bänder weich, die Schambeinfuge weitet sich: Eine Schwangerschaft transformiert den Körper radikal. Für Ballett-Tänzerinnen bedeutet sie eine lange Pause, bisweilen auch den Abschied – obwohl sie sich längst nicht mehr unbedingt zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen. Die Kompanien in Berlin und München etwa...
1973, mit dem Tod von Mary Wigman, gelangten die umfänglichen, von ihr selbst akribisch (aus-)sortierten Aufzeichnungen ans Berliner Archiv der Akademie der Künste (West). Das geschah in einer Zeit, als die Aufarbeitung des Nationalsozialismus hoch oben auf der Fahne stand und eine These schnell die Oberhand gewann: Alle Künstler, die sich bis 1945 nicht eindeutig...
