Tim Plegge
Ich war gerade auf meiner Terrasse und habe dort völlig die Zeit vergessen. Ja, die Zeit. Über das Phänomen der Zeit denken wir wohl jetzt gerade alle nach. Mit dem Diktat der Berührungslosigkeit hat diese letzte Zeit uns alle möglichen Ängste gebracht, Verunsicherung, tiefe Traurigkeit. Aber auch viele Tage der Isolation, um nachzudenken. Unter anderem darüber, wie zerbrechlich unsere hochentwickelte Zivilisation doch ist, und wie zerbrechlich eben auch das Theater.
Denn Theater ist Berührung und gemeinsamer Atem, aber eben dieses gemeinsame Atmen wird plötzlich zur Gefahr für alle Beteiligten.
Wir sind zum Luftanhalten gezwungen und kommen nicht umhin, uns zu fragen, wie lange wir das wohl schaffen, gemeinsam den Atem anzuhalten? Wie lange wir es schaffen, uns zu isolieren, eingeschlossen zu sein, abgegrenzt voneinander, eben ganz ohne Berührung, zurückgeworfen auf uns selbst und unseren Atem?
Es gab in der vergangenen Periode eine Zeit, da haben wir trotz der auferlegten Distanz versucht, uns in gemeinsamen Projekten zusammenzuführen, um eine gemeinsame Seele aufrechtzuerhalten. Um eine Form der virtuellen Berührung herzustellen. Dabei ging es aber eher um Beruhigung denn um ...
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Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 54
von Tim Plegge
Ich befinde mich am Anfang meiner Reise mit Dansens Hus, dem Gastspielhaus für zeitgenössischen Tanz in Stockholm. Diese Reise beginnt in einer Zeit, in der es gesellschaftlich um Zusammenbruch, Veränderung und Hoffnung geht, auch in der Kunst. Ich möchte mit Dansens Hus einen nachhaltigen Bestandteil der Infrastruktur des zeitgenössischen Tanzes schaffen.
Heraus...
Wenn Ballettdirektor Christian Spuck in seinen Vorstellungen im Opernhaus Zürich sitzt, beobachtet er regelmäßig Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich recht abenteuerlich gebärden. Sie biegen sich um eine Säule herum und lehnen sich in luftiger Höhe weit über die unteren Reihen hinaus, um mindestens ein bisschen etwas von der fabelhaften Darbietung des Ballett...
Alles bleibt in dem Zustand, in dem sich nichts befand, bevor die Corona-Krise eine Korrektur unserer Umweltwahrnehmung vornahm. So paradox es klingen mag, man muss die Katastrophen begrüßen, die uns zwingen, neu auf das Eingefahrene zu schauen. Ohne Anlass fällt es uns besonders schwer, die Strukturen, in denen wir leben und arbeiten, zu verändern.
Aus der Angst...
