Tänzerin des Jahres: Alina Cojocaru

John Neumeier, seit 1973 Ballettdirektor und Chefchoreograf in Hamburg, schreibt seine ganz persönliche Liebeserklärung an unsere Tänzerin des Jahres

Es ist fast 20 Jahre her, seit Alina Cojocaru bei der «Nijinsky-Gala 2001» in Hamburg nicht nur den Pas de deux aus «Blumenfest in Genzano», sondern auch den zweiten Akt aus «Giselle» mit Ethan Stiefel tanzte. Obwohl ich Alina zuvor als faszinierende Tänzerin in London erlebt hatte, wurde dieser Gala-Auftritt in Hamburg für mich zu einer Offenbarung. Ihre Interpretation von Giselle war bekannt. Aber durch die ehrliche und humane Dimension, die sie der Figur verlieh, war es an diesem Abend, als ob sie die Rolle nicht bloß interpretiert, sondern erfunden hätte.

Es war stilistisch richtig, aber für mich völlig neu – ganz modern! Unterwegs zur Gala-Feier traf ich diese äußerst fragile Frau am Eingang des Opernhauses. Alina wollte nicht mitkommen. Sie saß allein, still, gleichsam wartend und wirkte fast gestört in ihrer Schüchternheit, so ganz anders als in der Probensituation. Nach den Proben und der Gala-Vorstellung war ich froh, diesen Moment allein zu haben mit dieser sonderbaren Tänzerin, die mich so beeindruckte. Sie selbst hat kaum gesprochen. Ich versuchte ihr zu erklären, wie beeindruckt ich von ihrer Vorstellung war. Denn ich sah mehr als nur «Giselle». Ich sah das Potenzial, ...

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Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Tänzerin des Jahres, Seite 118
von John Neumeier