Jiˇri Kylián
Liebe Freunde, unvermittelt finden wir uns mit einem Phänomen konfrontiert, das in seiner Größenordnung für die Menschheit etwas noch nie Dagewesenes darstellt. Sein Name – «Corona» – leitet sich vom Lichtkranz der totalen Sonnenfinsternis ab, einem Naturschauspiel, das für uns mit intensiven Empfindungen verbunden ist: Alles wird von Dunkelheit verschlungen, und am Himmel sehen wir nichts außer einem Feuerring.
Das «Coronavirus» ist stumm, es kennt keine Eile und ist unsichtbar.
Jeder einzelne Mensch auf diesem Planeten ist von ihm auf die eine oder andere Weise betroffen. Es zwingt uns zur Abschottung und lässt uns einander zugleich näher rücken. Es ist rätselhaft und tiefgreifend. Es ändert unser Empfinden und unser Verhalten. Unsicherheit, Nervosität und Verwirrung sind allgegenwärtig und gleichsam mit Händen greifbar.
Ungläubig schauen wir zu, wie sich «die Welt, die wir kennen», rapide verändert. Dabei bräuchten wir gar nicht überrascht zu sein, denn wir haben dieses Chaos selbst verursacht: durch unsere Selbstsucht und Ignoranz, durch ungerechte Gesellschaftsstrukturen und die rücksichtslose Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen. Wir alle haben zu dieser Krise ...
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Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 15
von Jirí Kylián
Alles bleibt in dem Zustand, in dem sich nichts befand, bevor die Corona-Krise eine Korrektur unserer Umweltwahrnehmung vornahm. So paradox es klingen mag, man muss die Katastrophen begrüßen, die uns zwingen, neu auf das Eingefahrene zu schauen. Ohne Anlass fällt es uns besonders schwer, die Strukturen, in denen wir leben und arbeiten, zu verändern.
Aus der Angst...
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