Tänzer in Teilen
Die Liebesgedichte aus dem Mittelalter waren Gesänge vor dem Fenster der Angebeteten. Die Jungs priesen den Körper der Bewunderten von Kopf bis Fuß. Immer schön der Reihe nach. Von ihrem glänzenden Haar zum lieblichen Gesicht, und Stück für Stück immer weiter hinab, den makellosen Körper entlang bis zum zierlichen Fuß. In der orientalischen Dichtung erscheint der so besungene Körper wie eine Mahlzeit: Dein Busen apfelrund, Deine Haut weiß wie Milch, Deine Beine lang wie die Läufe der Antilope. Man hatte die Geliebte zum Fressen gern und nähme sie am liebsten mit Haut und Haar.
Das chinesische I Ging, das Buch der Weissagungen, sah die Körperteile etwas pragmatischer: «Das Schöpferische wirkt im Haupt, das Empfangende im Bauch, das Erregende im Fuß, das Sanfte in den Schenkeln.» Worauf Tänzer sich stützen, Beine und Fuß, sind auch im Fernen Osten erotisch. Über das Gesicht aber heißt es: «Das Abgründige wirkt im Ohr, der Schein im Auge, das Stillhalten in der Hand, das Heitere im Mund.»
Tanzen, denkt man, findet darum vom Hals erst abwärts statt. In einem Gelände, das Furcht und Begehren zugleich erregt. Seit je zerlegen Tänzer den Körper in Teile. Was sie überhaupt erst tanzen ...
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Sie lächelt. Evas Lächeln ist unnachahmlich, so groß, ihre Verbindung zur Welt, eine Linie im Bogen, und ein Blick, der immer auch ein bisschen für sich behält. Doch ihr Tanz führt diese Linie fort, ihre Arme greifen in den Raum, die Schwünge, der gestreckte Körper. Eine seidenfeine Zähigkeit, mit der sich der Mensch gegen Bodenschwere und Luftleichtigkeit...
«Schauen Sie, das Centre Pompidou hat meinen Rücken auf dem Plakat. Sie hätten ja auch einen anderen Bildausschnitt aus ‘Boléro variations’ wählen können, nur mit konventionellen Rücken», sagt Raimund Hoghe in Blickweite seines Auftrittsorts in Paris. Der Buckel als Blickfang, attraktiver als glatte, straffe Adonishaut? «Der Körper als Landschaft!»
Raimund Hoghe...
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