Schicht im Schacht
Clärchens Ballhaus ist ein lebendes Fossil. Völlig aus der Zeit gefallen, liegt es – vom Zahn der Zeit gezeichnet – in der aufgeregten Mitte Berlins. Ein Ort mit Geschichte und Seele, in dem sich seit Generationen fast alles ums Tanzen dreht. Das Haus in der Auguststraße zählt zu den letzten Relikten einer einst florierenden Berliner Kultur: Etwa 900 Ballhäuser gab es zur Kaiserzeit. Es ist eine Institution, es hat zwei Weltkriege überstanden und nicht weniger als fünf Gesellschaftssysteme.
Seit Langem ist es Anziehungspunkt für Berliner und Besucherscharen aus aller Welt – ein letztes Zeugnis von Zilles Alt-Berlin. Nicht nur Heinrich Zille, auch George Grosz, Alfred Döblin und Otto Dix sollen hier verkehrt haben.
Im Januar wurde das Haus geschlossen. Vergangenes Jahr ist es an einen neuen Eigentümer verkauft worden, einmal mehr ging eine Ära zu Ende. Denn damit verschwindet eine der aufregendsten Tanzgaststätten Berlins und mit ihr eine außergewöhnliche Publikumsmischung, wie sie sonst in Berlin-Mitte nicht mehr anzutreffen ist: Alle Generationen, alle Schichten, viele Ethnien haben sich auf dem Tanzboden getroffen. Zum sonntäglichen Tanztee stellten sich Stammgäs-te ein, die auch schon zu DDR-Zeiten hier getanzt hatten. Nicht -wenige legten hier bis ins sehr hohe Alter eine flotte Sohle aufs -Parkett. Es war ein Ort mit Tradition und Patina, voller Legenden auch. Die Zeit schien hier irgendwie stillzustehen. Und gleichzeitig nie anzuhalten.
Die bewegende Geschichte dieses Hauses ist zugleich die einer starken Frau, der Ballhauschefin Clärchen, die sich mutig und kraftvoll den Schicksalsschlägen des 20. Jahrhunderts entgegenstellte und ihr Ballhaus über fünf Jahrzehnte durch stürmische, elende, bisweilen auch heitere Zeiten manövrierte.
Vom König erfunden, von Arbeitern kultiviert
1913 eröffnet Fritz Bühler zusammen mit seiner jungen Frau Clara Bühlers Ballhaus in dem Gründerzeitbau, Auguststraße 24. Das Gebäude entstand um 1895, sagen die einen. Andere munkeln, es sei vom Mundschenk Kaiser Wilhelms II. persönlich in Auftrag gegeben worden. Die Bühlers jedenfalls eröffnen das Ballhaus am 13. September, die Architektur eignet sich perfekt für den Zweck: Es gibt zwei große Tanzsäle auf zwei Etagen im rückwärtigen Teil des Hauses, wo die Musik nicht nachbarschaftlich stört. Unten im großen Saal werden Gassenhauer für das Volk gespielt, während sich im höher gelegenen Spiegelsaal die etwas vornehmeren Damen und Herren beim Tanz vergnügen. Ein richtiges Ballhaus eben.
Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. gilt als Vorreiter der Ballhaus-Kultur. Tatsächlich ging es in Ballhäusern anfangs vornehmlich ums Ballspielen, getanzt wurde nur ab und zu. In Deutschland wird das Ballspiel ab dem 17. Jahrhundert gesellschaftsfähig, 1680 entsteht das erste Ballhaus am Berliner Lustgarten. Zu dieser Zeit sind Ballspiel und Tanz aristokratische Amüsements, zugänglich nur auf Einladung. Mit der Industrialisierung ändert sich das. Berlin wird im 19. Jahrhundert Millionenstadt, auch das einfache Volk will sich jenseits der schweren Arbeit vergnügen. Überall entstehen Ballhäuser, auch und gerade in den Armenvierteln. Sie werden Teil der Massenkultur und erleben eine Blütezeit in den 1920er-Jahren.
Im Volksmund wird Bühlers Ballhaus schon bald zu Clärchens Ballhaus. Der Erste Weltkrieg katapultiert viele Männer an die Front, Lebensmittelknappheit und die Hungersnot des Steckrübenwinters 1916/17 zwingen zur Schließung des Ballhauses. Die Berliner sind mit dem Überleben beschäftigt. Im Frühjahr 1918 sind viele Frauen kriegsbedingt auf den Arbeitsplätzen der Männer im Einsatz. Clara Bühler bekommt unterdessen ein Kind. Im Herbst geht eine Revolutionswelle durchs Land, der Kaiser dankt ab, und am 9. November wird die Republik ausgerufen. Die Bühlers versuchen gleich nach Kriegsende, das Ballhaus wiederzubeleben. Was liegt näher, als Witwenbälle zu veranstalten? Die neu erwachte Lebensfreude in der jungen Weimarer Republik tut Clärchens Ballhaus und dem Geschäft gut. Aber 1929 stirbt Fritz Bühler, nun muss Clara das Ballhaus alleine betreiben.
Die Chefin führt das Etablissement mit Bravour und der Unterstützung einer Allianz namens «Ballhausschwestern». Dabei handelt es sich um eine Art Unternehmerinnenverband, zu dem sich Frauen zusammengeschlossen haben, die Berliner Ballhäuser leiten. Freilich glänzen die «Goldenen 20er-Jahre» nicht für alle dauerhaft. Erst kommt die -Inflation, dann die Weltwirtschaftskrise – mit Unsicherheit, Abstieg und Angst im Schlepptau. Und so gelangt 1933 die NSDAP an die Macht.
Ost-West-Treff mit zwielichtigem Ruf
Mit Beginn des Dritten Reiches ändert sich auch für die Ballhaus-Gäste so manches. Swing oder Rumba, gerade noch leidenschaftlich getanzt, werden bald verboten, undeutsche Tänze nicht mehr geduldet, deutsche Lieder sind auf dem Vormarsch. «Verirrungen» wie die Freiheit der Frauen, sich im Ballhaus einfach einen Tanzpartner zu bestellen, werden abgeschafft. Genau wie die soeben in Clärchens Ballhaus eingeführte Damenwahl. Roben sind verpönt, Zurechtmachen und Schminken auch. Frauen, die sich auffällig verhalten, entsprechen nicht dem Menschenbild der Nationalsozialisten. Viele Nachtlokale in Berlin werden geschlossen. Clärchen versucht, ihr Ballhaus zu retten – und arrangiert sich auf ihre Weise.
Als das Deutsche Reich 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselt, wird ein generelles Tanzverbot erlassen. Zwei Jahre später wird es kurzzeitig aufgehoben, nach der Niederlage von Stalingrad 1943 neuerlich verhängt. Das Ballhaus ist geschlossen. Am 3. Februar 1945, kurz vor Kriegsende, trifft eine Bombe das Vorderhaus, Clärchens Wohnung liegt in Schutt und Asche. Daraufhin zieht sie direkt neben dem Spiegelsaal ein.
Wenig später lassen sich neue Gäste in Clärchens Ballhaus blicken – die Russen sind da. Die sowjetischen Soldaten quartieren sich ein, und so wird das Tanzparkett wohl erstmals von Pferdehufen erschüttert. Berlin wird unter den Alliierten aufgeteilt, Clärchens Ballhaus liegt im Ost-Sektor, in der sowjetischen Besatzungszone. Im Sommer 1945 räumen die Soldaten den Spiegelsaal, der Tanzbetrieb kann wieder loslegen. Trotz Männermangel, trotz Trümmerlandschaft – es wird getanzt!
Kurz nachdem Clärchens Ballhaus sein 30-jähriges Jubiläum gefeiert hat, wird die DDR gegründet. Obwohl im sozialistischen Ostberlin gelegen, darf das Lokal in privater Hand bleiben. Eine Ausnahme. Meist spielt eine Kapelle, es gibt Bockwurst oder Boulette mit Brot, und mittwochs ist wieder «Verkehrter Ball», also – Damenwahl. In der geteilten Stadt wird Clärchens Ballhaus zum beliebten Treffpunkt von Ost und West. Auch ausländische Gastarbeiter stellen sich ein. Tricks und Kniffe gedeihen: Wer aus dem Westen kommt, muss pünktlich vor Mitternacht am Grenzübergang sein – kann aber danach sofort wieder einreisen. Nicht wenige tun das, und so wird Clärchens Ballhaus zu einer deutsch-deutschen Begegnungsstätte von durchaus zwielichtigem Ruf.
Zum Abschied ein durchtanztes Wochenende
Zu alt, um den Betrieb länger zu führen, übergibt Clara 1967, nach fast einem halben Jahrhundert, die Geschäfte an die Tochter ihres zweiten Mannes. So übernimmt die nächste Frau das Zepter. Sie schmeißt den Laden bis zur Wende 1989, danach tut es ihr Sohn, bis 2004. Die deutsche Wiedervereinigung verändert vieles in Berlin – auch bei Clärchens Ballhaus. Claras leibliche Tochter, die im Westen lebt und als Besitzerin von Gebäude und Geschäftsbetrieb firmiert, verkauft beides im November 2003. Es ist, nach über 90 Jahren, das Ende des Familienbetriebs.
2005 werden der Theatermacher Christian Schulz und der Bühnenbildner David Regier zu den neuen Pächtern und Betreibern. Sie schaffen liebevoll, mit Klugheit und Fingerspitzengefühl und mit Hilfe der eingesessenen Stammgäste aus dem Osten ein Comeback des Ballhauses. Fünfzehn Jahre lang führen sie das Haus mit Leib und Seele – im Grunde wie einen Familienbetrieb. Auch ihre Kinder wachsen im Ballhaus auf. Im Januar 2020 ist es auch damit vorbei. Ein ganzes Wochenende wird durchgetanzt, wird Abschied gefeiert. Mit viel Gefühl, mit Tränen und Lachen. Eine Sanierung steht an. Clärchens Ballhaus war schließlich immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Seine einst arme und proletarische Umgebung ist heute ein angesagtes und -teures Viertel. Gerade noch lag das Haus wie eine Zeitkapsel inmitten einer sich stetig verändernden Stadt und zeugte stoisch und stolz von einem Berlin, das längst verschwunden ist. Clärchens Ballhaus war -einer der letzten geheimnisvollen Orte, ein «Wunder», wie Filmregisseur Wim Wenders sagte. Jetzt hat es einen neuen Besitzer. Bleibt zu hoffen, dass er den Genius loci erhalten kann. Dass er sich des Auftrags, den der Kauf eines solch geschichtsträchtigen Ortes mit sich bringt, bewusst ist.
Die Autorin hat 2017 für den rbb den Film «Clärchens Ballhaus» realisiert; www.koberstein-film.de
Tanz April 2020
Rubrik: Traditionen, Seite 56
von Maria Wischnewski
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