Raymonda
Was für eine Tänzerin! Jede Bewegung fließt bis in die Fingerspitzen, und ihre Blicke sprechen Bände. Olga Smirnova ist wie geschaffen für die Rolle der Raymonda, eine klassische Ballerina comme il faut; und sie verkörpert die filigrane Fürstentochter in dem gleichnamigen Ballett von Alexander Glasunow voller Hingabe – wobei sich gerade diese Hingabe im Verlauf der Vorstellung völlig verändert.
Man könnte im Zusammenhang mit der Amsterdamer Erstaufführung fast schon von einem Initiationsprozess sprechen, den Rachel Beaujean mitsamt ihrem Team subtil, aber durchaus logisch in Szene setzen, ohne dass die Originalchoreografie von Marius Petipa aus dem Jahr 1898 (soweit sie sich erhalten hat) darunter erkennbar leidet.
Letztlich ist es vor allem eine Frage der Haltung, die ein anderes Bewusstsein signalisiert. Wirkt Olga Smirnova anfangs ergeben wie ein junges Mädchen, das noch ganz kindlich für ihren Rittersmann schwärmt, strafft sich ihr Körper, kaum dass Abd al-Rahman als Überraschungsgast auf ihrer Geburtstagsfeier erscheint. Als spürte sie erregend seinen Handkuss bis ins Innerste, erwacht sie mit allen Sinnen zu einer Frau, die am Ende selbstbewusst ihre Entscheidung trifft. ...
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Tanz 6 2022
Rubrik: Produktionen, Seite 20
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