Ornament oder Drama

Rekonstruktion oder Neufassung, alte Stereotypen oder politisch korrekter Tanz: Beim Handlungsballett treffen derzeit Historismus und Wokeness aufeinander, und keiner weiß mehr so recht, wo’s hingehen soll. Orientierungshilfe gibt Angela Reinhardt

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1999 hatte die erste große Rekonstruktion eines alten Klassikers Premiere, Sergei Vikharevs «Dornröschen» am Mariinsky-Theater. Historiker, Kritiker und Ballettmeister reisten nach Sankt Petersburg oder zu den wenigen Gastspielen der vierstündigen, personalaufwendigen Großproduktion, bewunderten zum ersten Mal die knielangen, üppigen Tutus, staunten über eine Fliederfee, die von der Spitze wieder auf Schuhe mit Absatz herabgestiegen war.

Man sorgte sich um den Prinzen, der außer einer mickrigen Variation so gar nichts zu tun hatte, und diskutierte die Frage, ob Svetlana Zakharova ihre Beine hier, im «alten» Stil, noch auf 180 Grad hochwerfen durfte. Was die Vollprofis unter den Zuschauern begeisterte, wirkte auf ein «normales», an tanzreichere Fassungen gewöhntes Publikum langwierig und museal. Bald kehrte das Mariinsky zum robusten, tourneebewährten «Dornröschen» Konstantin Sergeyevs von 1952 zurück, erst seit Kurzem kommt die Rekonstruktion wieder ab und zu auf die Bühne.

Die Europäer lieben ihre modernen Klassikerbearbeitungen von John Neumeier über Jean-Christophe Maillot bis hin zu den Extremisten wie Mats Ek (Drogen!) oder Matthew Bourne (schwule Schwäne!), selbst die Russen ...

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Tanz 6 2022
Rubrik: Produktionen, Seite 12
von Angela Reinhardt

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