Rosario Guerra und Alesio Marchini in «Nijinski». Foto: Regina Brocke

Marco Goecke: «Nijinski»

Publikumsfavorit des Jahres: Wir haben unsere Abonnenten um ihr Votum gebeten. Klarer Sieger ist der Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts – mit einer Produktion für Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart

Tanz

Marco Goecke ist klug. Er umgeht sämtliche Fallstricke, über die die meisten seiner Choreografen-Kollegen stolpern. Denn anders als viele glauben, ist es eben nicht leicht, eine Tänzer-Biografie mittels Tanz zu erzählen. Der Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts ging mit «Nijinski» fremd. Er choreografierte für Gauthier Dance, die Stuttgarter Kompanie des Tänzers Eric Gauthier. Als er ans Werk ging, war ihm offenbar einiges klar: Wer der Verführung erliegt, sich chronologisch an den wichtigen Lebensstationen entlangzuhangeln, hat schon verloren.

Dabei verkommt der eigentliche Protagonist fast immer zur untätigen Randfigur. Und wenn dann auch noch die Ikonografie derart avanciert ist wie beim Tänzer-Mythos Vaslav Nijinsky, dann ist die Gefahr, nur noch bewegte Abziehbilder zu inszenieren, nahezu unvermeidlich.

Goecke hingegen gelang es, das Leben des Tänzers exemplarisch durch geschickte dramaturgische Eingriffe und klare durchgängige Motive zu verdichten, dessen Tragik zuzuspitzen. Zunächst einmal konzentriert er sich auf die für Nijinskys Entwicklung wesentlichen Menschen, auf die Mutter, auf Nijinskys Entdecker und Förderer Serge ­Diaghilew und schließlich auf Romola de Pulszky, die spätere Ehefrau. Goecke findet für alle Stationen, für sämtliche Situationen, die jeweils bruchlos ineinander übergehen, optische Kürzel und verblüffende Chiffren. Als wesentliche Ausdrucksmittel dienen ihm der Tanz, in Maßen auch die Sprache, vor allem aber der rhythmisch-hechelnde Tänzer-Atem als beängstigend emotionsgeladenes akustisches Element. All dem schickt er einen Prolog voraus: die Begegnung mit Terpsichore, der ­Muse des Tanzes.

Urplötzlich und unerwartet also entfährt Nijinsky ein höllisches Lachen. Sein Mund schließt sich krankhaft schief. Dieser irritierende Moment ereignet sich im Ballettsaal, während des Trainings. Vaslav Nijinsky, von 1905 bis 1916 der unheilige Gott in Serge Diaghilews weltberühmten Ballets russes und bis heute unerreichte Tanzlegende, Inkarnation animalischer Triebhaftigkeit als Faun auf der Bühne und nicht nur deshalb verdammtes und vergöttertes fleischgewordenes Skandalon der 1910er-Jahre, zeigt da schon psychische Ausfälle. Marco Goecke gelingen in seinem faszinierenden «Nijinski»-Ballett immer wieder solch verstörende Momente, in denen einem als Zuschauer schlagartig ein Licht aufgeht – zum Beispiel bei der Erkenntnis, dass sich Nijinskys geistige Umnachtung wohl schon sehr früh angekündigt hat. Der Choreograf braucht für seine Tänzer-Biografie nur den leeren, schwarz ausgeschlagenen Bühnenraum im Stuttgarter Theaterhaus. Mithilfe von Terpsichore blättert Goecke das Leben des Tänzers auf: seine Trennung von der Mutter, Tänzerin auch sie, die hier so burschikos wie zärtlich den Sohn seiner Bestimmung zuführt – der Ballettakademie in Sankt Petersburg. Dort entfaltet sich nicht nur sein Talent. Dort suchen ihn auch erste sexuelle Träume heim, die in der Hassliebe zu Diaghilew später ihre Erfüllung finden. Dann der Aufstieg in die elysischen Höhen des Ruhms, als Tänzer und Choreo­graf. Schließlich die Heirat mit der Tänzerin Romola de Pulszky und das bis 1950 währende endlose Ende: Da kauert er, am Boden manisch Kreise malend, hinter den Mauern der Psychiatrie.

Die handelnden Personen karikiert Goecke minimalistisch mit charakteristischen Requisiten: Diaghilew erkennt man am Kragenpelzchen seines Mantels und dem halben Schnurrbart über der Lippe; identifiziert ihn dank seiner arroganten Allüre, mit der er sich Nijinsky nähert, ihn von hinten mit zwei Fächern umschwirrt. Nijinskys Bühnentriumphe reihen sich als ein Bilderrätsel ironischer Zitate: winzige Elfenflügelchen am Rücken bei «Chopiniana»; über «Le Spectre de la rose» explodiert ein Rosenblätterregen, und die Schöne, die den Rosengeist herbeiträumt, tut dies in Rückenansicht, in einem Fauteuil mit verkanteten Gliedmaßen turnend. Mit der fortschreitenden Katastrophe wird’s fins­terer als finster. Den Arzt erfährt Nijinsky tastend als leibhaftiges Spiegelbild, den Wahnsinn als ein ihn umschlingendes, nicht benennbares Etwas.

Der Tänzer Rosario Guerra taktet in geräuschvollen Atemstößen Nijin­skys atemloses Leben. Goecke arrangiert die Mitglieder des Ensembles in schwarzen Beintrikots und nackten beziehungsweise mit fleischfarbenen Bustiers bekleideten Oberkörpern zu beweglichen Lichtreflexen. Der Hell-Dunkel-Effekt verstärkt die Wirkung seiner sehr eigenen Tanzsprache, rhythmisch gehackte, sehr schnelle Schrittkombinationen und Gesten, jede einzelne jeweils ein Vielfaches des dazugehörigen Notenwerts. Dazu hört der hochmusikalische Choreograf die Musik auch in den Stimmungen ganz genau aus, in diesem Fall Kompositionen von Chopin und Debussy, zu denen Nijinsky getanzt hat. Manchmal flattern Arme und Hände so schnell, dass sie einem nur mehr als Lichtschlieren erscheinen. Doch bei «Nijinski» achtet Marco Goecke mehr auf harmonischen Bewegungsfluss als sonst, fügt immer wieder akademische Ballettposen ein. Dank der beredten Hände und Arme erweist sich sein Tanzidiom mehr denn je als eindringliches erzählerisches Mittel und schafft dabei Enormes, nämlich eine überraschende Verschmelzung mit dem damals revolutionären Stil Nijinskys als Tänzer und Choreograf, angereichert mit den Erkenntnissen von heute.

Zu «Nijinski» gab es Berichte in tanz 10/16 und 11/16

 


Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Die Saison 2016/17: The winners are ..., Seite 150
von Eva-Elisabeth Fischer

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