Martin Schläpfer: Weitersuchen
Ich kann die Frage nach der Zukunft des Tanzes leider nicht beantworten. Ich kenne sie nicht – und vor allem verändert sich nur das, was außerhalb von uns selbst liegt und Gegenwart ist. Das allerdings verändert sich rapide, die menschliche Psyche und ihre Bedürfnisse werden wohl kaum damit Schritt halten können. Natürlich verändert sich auch der Mensch – indem er etwa das Leise verlernt und zusehends verbauter wird, auch anderes verliert und es nicht mehr wahrnehmen kann.
Und dabei wird er gleichzeitig fragiler und empfindlicher, aggressiver – und ja, einsamer auch. All das wird den Tanz mit- und umgestalten, tut es ja jetzt schon. Auf der anderen Seite ist jeder Künstler anders konditioniert, baut heute wie in Zukunft aus jeweils anderen Gründen und inneren Begründungen heraus Tänze und Ballette. Und so wird diese Kunst auch immer an verschiedenen Orten Platz haben, ausgeführt und aufgeführt werden.
Sie wird zwischen Heiligtum, Therapie, Gesellschaftskritik, allumfassender Integration und Performativem pendeln. Pendeln auch zwischen einer Sehnsucht nach Ganzheit, zwischen der Vertikalen und der Lust, in den Abgrund zu springen, zwischen Oper und Werkstattkeller, zwischen akademischer Form und völlig freier «Herumruderei».
Für mich ist die Frage eher: Wo sind die tanzschaffenden Künstler, die um das gesamte Spektrum der Tanzkunst wissen und nicht nur damit spielen, sondern es auch weiterentwickeln können, zu immer neuen «Geburten»? Die nicht nur an sich und ihr Werk denken, sondern auch an alle Körpertechniken, die es gab und gibt. Die alles lieben, oder zumindest beherrschen, studieren, respektieren und pflegen, die es – absolutes Minimum – leben lassen. Aber das Spezialistentum und mit ihm die Abschottung greift wieder um sich in der Tanzkunst: «Das da ist richtig, das da falsch!» Aber ja, wie könnte es anders sein, wenn in der Welt Nationalismus, Konservatismus, Feigheit, Dummheit und ein unsäglicher Opportunismus (auch in diesem Lande!) um sich greifen?
Der Schweizer ist Direktor und Chefchoreograf des Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 125
von Martin Schläpfer
«Уважающим себя хореографам следовало бы учитывать, что каждое па – это шаг в будущее. Chorégraphes qui se respectent devraient prendre en considération que chaque pas est un pas dans l’avenir.» Das ist ein Satz, den Serge Diaghilew, laut Boris Kochno, am 17. August 1929, also zwei Tage vor seinem Tod, in Venedig Kochno anvertraut haben soll & den ich, Giselle Leichtentritt, mir nach...
Die Linie, die Diagonale, die Kurve, der Winkel. Deren Kraft und Poesie betont der italienische Choreograf. Reichert sie an, indem er Körper wie kantige Gebilde in das Geflecht der Linien stößt oder mit sanftem Pulsen deren Richtungsdrängen hemmt. Dabei gibt er Zeit: Die Reihen seitlich gelagerter, skulptural arrangierter Tänzer und Tänzerinnen, mit denen sein in diesem Jahr...
Stell dir vor, du könntest einem Freund ein Körperteil nach dem anderen abnehmen, wissend, dass er jede einzelne Amputation überleben würde. Du nimmst ihm einen Finger ab, dann ein Ohr, eine Hand. Die physische Gestalt vor deinen Augen verändert sich, doch du gehst davon aus, dass es sich immer noch um deinen Freund handeln muss, schließlich hat er ja noch sein Gehirn, seine Gedanken und...
