ludwigsburg: en avant, marche!
Ein stämmiger Mann (Wim Opbrouck) betritt missmutig die Bühne. Seine gestreiften Hosen lassen erkennen, dass er Mitglied einer Brass-Band ist. Er schließt einen DVD-Player an, nimmt ein Becken zur Hand und wartet auf seinen Einsatz in Wagners «Lohengrin»-Ouvertüre. Doch schon bald wird ihm langweilig, da die Musik für sein Instrument kaum Arbeit vorsieht. Als die übrigen Band-Mitglieder auftreten, versteckt er sich. Doch der Mann ist keineswegs so schüchtern, wie es zunächst scheint. Vielmehr hat er soeben die Diagnose Kehlkopfkrebs bekommen.
Deshalb könne er nun nicht mehr Posaune spielen und fühle sich in die hinterste Reihe der Band verbannt, erklärt er in gereizt-zynischem Tonfall. Und auf Italienisch, was kein Zufall ist: Er zitiert aus Pirandellos Monolog «L’uomo dal fiore in bocca», in dem ein Mann seiner Wut über seinen Krebs Ausdruck verleiht. Schließlich verfällt er in ein Kauderwelsch aus Französisch, Niederländisch und Deutsch.
So weit das Grundgerüst von «En avant, marche!». In Pirandellos Drama verstößt der Mann nach der Diagnose seine Geliebte, hier belästigt der Protagonist die Cheerleader der Band mit obszönen Bemerkungen. Eine der Frauen (Griet De Backer) gesteht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Juni 2015
Rubrik: kalender und kritik, Seite 48
von Pieter T‘Jonck
Dreißig Jahre lang hat Vladimir Ashkenazy kein Album mehr eingespielt. Wenn er jetzt zum 100. Todestag von Alexander Skrjabin noch einmal seine pianistische Könnerschaft beweist, dann nicht zuletzt, weil die Popularität von dessen sinfonischem Œuvre die der Klavierstücke leicht überschattet. Zu kurz, um sich in ihrer Schönheit ganz zu erschließen, lassen sie im...
Das berühmteste Ballett zu Musik von Frédéric Chopin ist sicherlich Fokines «Les Sylphides», auch wenn dafür die zarten Klavierstücke von Alexander Glasunow robust orchestriert wurden. John Neumeiers «Kameliendame» ist ebenfalls eine große Chopiniana, das puristischste Chopin-Ballett ist jedoch Jerome Robbins’ «Dances at a Gathering» von 1969 – dem zur Musik des...
natasha hassiotis ist studierte Juristin und Tanzwissenschaftlerin und seit Anfang der 1990er-Jahre u.a. auch für tanz als Kritikerin unterwegs. Wer so viele Gespräche wie die griechische Journalistin geführt hat, sitzt irgendwann auf einem Berg von Material, das sein Verfallsdatum überschritten hat. Sollte man meinen. Aber die Lektüre von «Great Choreographers –...
