essen: die odyssee
Ihre Lebenslagen könnten kaum unterschiedlicher sein: Er irrt durchs Mittelmeer, sie dagegen harrt aus im heimischen Ithaka. Trotzdem haben beide das gleiche Problem: Sie sind die schärfsten Alphatierchen ihrer Gesellschaften und fast außerstande, sich gegen das Begehren der anderen zu wehren. Aber genau darauf kommt es an, jedenfalls wenn sich Choreograf Patrick Delcroix der vielleicht ältesten Dichtung abendländischer Kultur annimmt und sie nicht als Heldenepos und metzelfreudigen Horrortrip liest, sondern als Pas-de-deux-taugliche Lovestory.
Können die Ehegatten Odysseus und Penelope in jahrelanger Trennung den erotischen Verlockungen widerstehen? Das ist die Ausgangsfrage dieses Homer-Balletts. Deshalb gestaltet sich die Heimreise des Odysseus als aufreibendes Insel- und Frauenhopping, während die wartende Penelope immerzu von einer vierköpfigen Schar Freier bedrängt wird. Erleichtert darf man am Ende aufseufzen: Sie können. Heroen-Herzen sind stärker als das schwache Fleisch.
Eine kanonische «Odyssee» kann mit dieser Deutung für das Aalto Ballett Essen kaum entstehen. Dass der Abend trotz elegisch-wabernder Minimal-Musikkompositionen nicht als Schmacht-Mär absäuft, liegt an ...
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Tanz Juni 2015
Rubrik: kalender und kritik, Seite 44
von Nicole Strecker
Der Cancan ist «French», so viel ist klar. Aber ganz anders, als wir bisher dachten. Im Rampenlicht des Moulin Rouge bleibt seine wahre Geschichte unsichtbar. Was dort geschieht, ist Blendwerk für Touristen, aber auch für Frankreich selbst. Natürlich kennt alle Welt die Cancan-Legende La Goulue (Die Fresserin) auf den Bildern und Plakaten von Toulouse-Lautrec. Doch...
Neun Jahre alt ist der Knirps, der da im leeren Studio des New York City Ballet Klavier übt. Ein ziemlich alter Herr kommt hereingeschneit, scheint allerdings gar keine Notiz von ihm zu nehmen. Abends begegnen die beiden einander wieder, beobachten gemeinsam eine Vorstellung aus der Seitengasse der Bühne. «Spiel unbedingt weiter Klavier!», wispert der Mann dem...
Und plötzlich wird er melancholisch? Ausgerechnet Thierry Malandain, der sonst so kecke, freche, mit sinnlich-erotischer Inspiration spielende Erneuerer stellt im Zweiteiler «Nocturnes» und «Estro» Weltschmerz und die Beziehung zum Tod in den Mittelpunkt. Die beiden neuen Stücke verbreiten keine Jubelstimmung, sind vielmehr durchdrungen von Romantik und...
