Leichtigkeit des Seins
Als wär’ er eine Marionette. Ganz am Anfang der Aufführung sitzt Friedemann Vogel auf der Hinterbühne des Kleist Forums in Frankfurt/Oder und lässt seine Glieder spielen. Ganz leicht hebt sich die Linke aus dem Handgelenk heraus, dann die Rechte. Schließlich folgt Stück für Stück der durchtrainierte Körper, als ob er an unsichtbaren Fäden gezogen würde. Keine Schwere, nirgends. Die Leichtigkeit des Seins, die der Dichter Heinrich von Kleist der Puppe zugebilligt hat, hier wird sie Ereignis.
Und scheinbar willenlos überlässt sich der Starsolist des Stuttgarter Balletts dem Gesetz, nach dem er angetreten. Im Aufsatz «Über das Marionettentheater» diskutiert Kleist 1810 in einem fiktiven Dialog nicht nur das Gesetz der Schwerkraft: Er wünscht sich aller Kunstfertigkeit zum Trotz zurück in den Stand der Unschuld. Er allein ermöglicht letztlich die Anmut, die sich der angesprochene Tänzer vom bewegten Körper erhofft: ein Paradoxon, dem Vogel und Thomas Lempertz in der gemeinsam choreografierten Soloperformance «Die Seele am Faden», besser: «Soul Threads», auf ganz eigene Weise zu lösen versuchen. Je mehr sich die Marionette im Verlauf der knapp einstündigen Vorstellung vermenschlicht, ...
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Tanz März 2024
Rubrik: Side step, Seite 24
von Hartmut Regitz
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