Jo Fabian

Die Auszeit war noch viel zu kurz

Alles bleibt in dem Zustand, in dem sich nichts befand, bevor die Corona-Krise eine Korrektur unserer Umweltwahrnehmung vornahm. So paradox es klingen mag, man muss die Katastrophen begrüßen, die uns zwingen, neu auf das Eingefahrene zu schauen. Ohne Anlass fällt es uns besonders schwer, die Strukturen, in denen wir leben und arbeiten, zu verändern.

Aus der Angst um unsere Gesundheit wurden binnen kürzester Zeit ein Sonderurlaub und dann ein Gefängnis. Der Stillstand der Welt, der so dringend nottat, um uns kurzzeitig die Augen zu öffnen, veränderte sein Gesicht.

Eigentlich gut dazu geeignet, sich zu ordnen, die Gedanken zu bündeln, zu überprüfen, was wir eigentlich tun und wie sinnvoll es ist, wurde diese Auszeit schon wieder verschwendet. Die Räder sollten so schnell wie möglich wieder rollen, die Bänder wieder anlaufen, und die Sehnsucht nach einer Normalität, die sich in vielen Bereichen gerade als fehlerhaft, überholt und unzuverlässig erwiesen hatte, begann sich wieder mehr Platz in unseren Hirnen zu verschaffen und damit das soeben Erkannte schon wieder zu verdrängen. Die Ausstiegszeit war aber noch viel zu kurz, um sich von schlechten Gewohnheiten zu verabschieden, sich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 24
von Jo Fabian

Weitere Beiträge
Parkett International: Belgien und Niederlande

Die vergangene Tanzsaison in den Benelux-Staaten kann man in vielerlei Hinsicht als eine verlorene bezeichnen, insbesondere gilt das für Belgien. Natürlich ist der Hauptgrund die Corona-Krise, die die Performance-Szene Mitte März mit voller Wucht getroffen hat. Doch in Belgien, genauer gesagt in Flandern, wurde die Krise durch empfindliche, undurchdachte...

Tamas Detrich

Die Krise der letzten Monate hat mir durchaus positive Erkenntnisse beschert. Die abrupte Schließung unseres Theaters hat uns und unserem Publikum vor Augen geführt, dass der bis dahin als selbstverständlich erachtete fortwährende Vorstellungsbetrieb mit seiner anscheinend endlosen Kette von Premieren, Wiederaufnahmen und Repertoirevorstellungen nicht...

Erna Ómarsdóttir

Die Welt verändert sich, unsere Wirklichkeit verändert sich – kleine überraschende Abweichungen von der Natur, und wir als bedeutungslose Organismen versuchen, darauf zu reagieren und beharrlich weiterzumachen. Unsere Welt wird nicht aufhören, uns Sachen vor die Füße zu schmeißen. Schon in der Vergangenheit hatten wir Seuchen, Kriege und alle möglichen Krisen, von...