Das Leben ist schön

Paris, ein Paar, die Liebe – und eine cineastische Liebhaberei: Alles zusammen ergibt ein getanztes Tagebuch der Ausgangssperre

Tanz - Logo

An einem dieser endlos langen Abende ohne jede Theateraussicht tut sich plötzlich mitten im Lockdown ein fremdes Fenster auf. Paris liegt uns zu Füßen, mittendrin der Eiffelturm, rund herum glitzernde Dächer und prachtvolle Fassaden – eben die ganze Schönheit, die der ehrgeizige Baron Haussmann der französischen Kapitale im 19. Jahrhundert verpasst hat. Das Fenster, das diesen Ausblick gewährt, muss irgendwo auf der Anhöhe nahe Sacré-Cœur liegen. Doch ehe sich die Betrachterin recht orientieren kann, tritt von links eine junge Frau ins Monitorbild.

Sie schaut hinaus auf die Stadt, dreht sich um, streift eine Jacke über und öffnet die Wohnungstür – Stopp. Sie kann nicht hinaus. Eine gläserne Sperre scheint sich vor die Welt (sprich: das Treppenhaus) geschoben zu haben. Gerade so wie in Marlen Haushofers 1963 veröffentlichtem Roman, an den sich in diesem Frühjahr plötzlich alle Feuilletons erinnern: «Die Wand». Mit dem Unterschied, dass die Existenz anno 2020 auf ein paar Quadratmeter Wohnraum zusammenschmilzt.

Die Frau macht kehrt, lässt sich auf das Sofa fallen, greift ein ganz anderes Buch – Goliarda Sapienzas «L’arte della gioia» – blättert kurz darin, springt auf … und tanzt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 82
von Dorion Weickmann

Weitere Beiträge
Alain Platel

Ich zitiere sehr häufig einen Satz aus Amin Maaloufs Buch «Le Dé­règlement du Monde» («Die Auflösung der Weltordnungen»): In ­Krisenzeiten sollte man (viel mehr!) in Kultur, Wissenschaft und Bildung investieren, denn kreative Lösungen dürfen wir von den Banken nicht erwarten.

Das ist alles.

Weitere Antworten auf die Frage, was bestehen bleiben muss und was sich...

Richard Siegal

Wenn es stimmt, dass die Zukunft bereits eingetreten ist – wie der US-amerikanische Science-Fiction-Autor und Erfinder des Begriffs «Cyberspace» William Ford Gibson schon 1993 verkündet hat – so ist diese Zukunft (samt ihren Errungenschaften) heute recht breit gestreut. Und das zu unserem Vorteil. Bei der globalen Rolle rückwärts in den Cyberspace, ausgelöst durch...

Peeping Tom

In den vergangenen Monaten ist das gesellschaftliche Leben jäh zum Erliegen gekommen, und in den Theatern rund um den Globus gingen die Lichter aus. Doch diese Dunkelheit hat paradoxerweise viele Missstände in unserem gegenwärtigen System erst wirklich sichtbar gemacht: Ungleichheit, die prekäre wirtschaftliche Lage, in der sich viele Menschen befinden, die...