Jérôme Bel
2007 saß ich in einem Flugzeug von Melbourne nach Paris. Wir hatten gerade «The Show Must Go On» gespielt. In den Zeitungen an Bord las ich einen Artikel, in dem es hieß, dass aufgrund der Klimaerwärmung jede*r seine CO2-Emissionen reduzieren müsse. Mit mir waren 20 Tänzer*innen im Flugzeug. Sofort kam mir die Idee, künftig nicht mehr mit der ganzen Kompanie zu reisen. Vielmehr würde ich nur je zwei Tänzer*innen schicken, die
das angefragte Stück mit ortsansässigen Kolleg*innen einstudieren sollten.
Es war das erste Mal, dass ich in puncto Ökologie wirklich aktiv wurde. Ich bin seit Jahren Vegetarier, aber ich habe erst viel später begriffen, dass mein Verhalten die Umwelt schützt. Inzwischen gilt für meine Stücke und meine Ästhetik: Sie kritisieren Konsumismus und Kapitalismus, sie erzeugen niemals Umweltschädliches wie neue Kostüme oder Bühnenbilder.
2014 erzählte mir die Programmmacherin eines Pariser Theaters von einer Inszenierung, die sie eingeladen hatte. Begeistert fragte ich, woher die Kompanie kommt – Antwort: aus Australien … In dem Moment schoss es mir durch den Kopf: Wie kann man etwas künstlerisch zum Ausdruck bringen – und zugleich exakt das Gegenteil davon tun?
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Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 104
von Jérôme Bel
Zum Auftakt möchte ich den Soziologen Bruno Latour zitieren mit einem Statement, das er im März 2020 veröffentlicht hat: «Wir müssen gerade jetzt dafür kämpfen, dass die wirtschaftliche Erholung nach der Krise das alte Klimaregime nicht wiederherstellt, gegen das wir bisher vergeblich gekämpft haben. Die Gesundheitskrise ist in etwas eingebettet, das keine Krise...
Die Welt verändert sich, unsere Wirklichkeit verändert sich – kleine überraschende Abweichungen von der Natur, und wir als bedeutungslose Organismen versuchen, darauf zu reagieren und beharrlich weiterzumachen. Unsere Welt wird nicht aufhören, uns Sachen vor die Füße zu schmeißen. Schon in der Vergangenheit hatten wir Seuchen, Kriege und alle möglichen Krisen, von...
Überall sind Klagen zu vernehmen, dass in der Öffentlichkeit nicht genug über Kultur geredet wird. Dass der oberste Kassenwart nicht ein paar Milliarden auf den Tisch haut und behauptet: Ein Euro (Kultursubvention) bringt vier zurück. In dieser Simplizität stand es in der «FAZ», die ich immer noch für ein seriöses Blatt halte. Im Ernst: Haben Sie schon jemanden...
