Feenzauber
Der Feiertag macht‘s möglich: Am 1. Mai bekomme ich Gelegenheit zu einem Interview mit Aya Okumura. Die derzeit jüngste Solotänzerin des Tschechischen Nationalballetts ist vielbeschäftigt und probt täglich. Sie erscheint in einem charmanten sommerlichen Kleid. An einem Fensterplatz in der Cafeteria des Theaters genießen wir ein leckeres Stück Kuchen und unterhalten uns darüber, wie die Tänzerin ihre Karriere managt – über die Kraft, die sie investiert und über den Spaß, den sie dabei hat.
Aya ist in der zurückliegenden Saison vom Berliner Staatsballett ans Tschechische Nationalballett gewechselt. Hier wurde sie schon wenige Monate später von Direktor Filip Ba -rankiewicz zur Ersten Solistin befördert, nachdem sie in der Wiederaufnahme von Jean-Christophe Maillots «Cinderella» mit ihrem Porträt der Titelfigur als naiv-enthusiastisches Mädchen begeistert hatte. Ihr Talent und ihr technisches Können blieben auch dem Ballett-Fachausschuss nicht verborgen: Für ihre Verkörperung der Sylphide wurde sie als «Beste Tänzerin des Jahres 2023» für den «Thalia»-Preis nominiert. Besonders gelobt wurde ihr bravouröser Spitzentanz, der in Kombination mit ihrem präzisen Port de bras und ihrem ausdrucksstarken Gebärdenspiel die feenhafte Leichtigkeit und geheimnisvolle Fragilität ihrer Bühnenpräsenz vervollkommnet. Mir persönlich imponierte sie in der Rolle der Swanilda in «Coppélia» als technisch perfekte Puppe, die mit ihrer Energie auf ihre Kolleginnen und Kollegen abstrahlte. Die Premiere fand ein paar Tage nach dem Gespräch statt, aber wohl deshalb habe ich beim Treffen immer wieder unbewusst versucht, hinter das Geheimnis ihrer schier grenzenlosen Vitalität zu kommen.
Wie verbringt eine japanische Balletttänzerin den 1. Mai in Prag? Ich wette, Sie wissen, dass der 1. Mai in Tschechien nicht als Tag der Arbeit, sondern als Tag der Liebe und der Leidenschaft gefeiert wird?
Ja, das habe ich gehört! Ist das eigentlich nur in Tschechien so? Heute habe ich ausgeschlafen und den Vormittag mal ganz in Ruhe angehen lassen. Dann war ich mit meinem Freund im Park spazieren. Ein perfekter Tag. Im Internet habe ich gelesen, dass man sich unter einem blühenden Kirschbaum küssen soll. Das ist uns zwar nicht gelungen – mein Freund, er ist Amerikaner, hat gar nicht erst nach einem Kirschbaum gesucht. Aber ich habe es unheimlich genossen, mal mitten in der Woche so ganz von der Arbeit abschalten zu können.
Bis zur Premiere von «Coppélia» sind es nur noch ein paar Tage. Ich nehme an, die Proben sind ziemlich anstrengend?
Wir haben alle sehr hart gearbeitet, und ich denke, ich bin jetzt endlich so weit, dass ich mich auf die Feinheiten konzentrieren kann. Vor ein paar Tagen haben wir außerdem «Cinderella» wiederaufgenommen, also war zuletzt wirklich eine Menge los. In dieser Kompanie wird immer vieles gleichzeitig gemacht.
Ist es schwierig, zwischen den einzelnen Stilen – modern, klassisch, neoklassisch – umzuschalten?
Ja, das ist es. Bei Balletten, die stilistisch dem Klassischen Ballett näher stehen, geht es natürlich leichter. Aber wenn es sich um ausgesprochen moderne Stücke handelt, die barfuß oder in Socken getanzt werden, dann sind solche Rollenwechsel wirklich nicht einfach.
Liegt Ihnen «Coppélia»?
Das ist ein witziges, großartiges Ballett. Die Choreografie erlaubt es einem, dass man sich auf die Technik genauso wie auf das Schauspielerische konzentrieren kann. In Verbindung mit der schönen Musik würde ich das Stück als publikumsfreundlich bezeichnen.
Welche Rolle oder welches Stück mögen Sie denn am liebsten?
John Crankos «Onegin» hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Während meiner Ballettausbildung in Japan wollte ich anfangs immer in Richtung Musical gehen. Doch dann sah ich bei einer Gala einen Pas de deux aus «Onegin». Da war ich so um die 16 Jahre alt. Das war für mich der Wendepunkt, und ich beschloss, mit dem klassischen Ballett weiterzumachen.
Und im Anschluss an die Ausbildung haben Sie Japan dann verlassen?
Ich hatte das Glück, bei einem Wettbewerb in Tokio ein Stipendium zu gewinnen, und ich wusste, dass ich – egal wo – auf eine richtige Ballettschule gehen musste, wenn ich als Balletttänzerin wirklich Karriere machen wollte. Als sich dann die Gelegenheit bot, nach Amsterdam zu gehen, spürte ich, dass der Zeitpunkt gekommen war. Meine Mutter bestand darauf, dass ich erst die High School beende, aber ich konnte nicht warten, bis ich 18 war, denn mit 18 sollte sich eine Balletttänzerin ja bereits auf ihrem konditionellen Höhepunkt befinden. Also verließ ich Japan, lernte online weiter und holte dann später meinen Schulabschluss nach.
Von Amsterdam wechselten Sie nach Berlin, und von Berlin ging’s dann letztes Jahr nach Prag. Was waren die Gründe für die beiden Wechsel, und wie haben Sie sich in den neuen Kompanien eingelebt?
Het Nationale Ballet in Amsterdam habe ich verlassen, weil ich das Gefühl hatte, dort nicht mehr weiterzukommen. Meine zehn Spielzeiten dort waren sehr angenehm, aber mir stand der Sinn nach neuen Herausforderungen. Ich hatte das Gefühl, dass meine Karriere eine Richtung nahm, die ich eigentlich nicht wollte. Man meint ja immer, dass man eigentlich mehr verdient hat als das, was man gerade kriegt. Außerdem hatte ich ein paar gesundheitliche Probleme. Also begann ich ernsthaft, eine Veränderung in Erwägung zu ziehen, und schickte meine Unterlagen an diverse Kompanien. Als das Staatsballett Berlin dann Interesse bekundete, war das für mich ein großes Glück. Ich kann sagen, dass ich in meiner Laufbahn so einige schwierige Zeiten durchgemacht habe, aber irgendwie habe ich da immer wieder herausgefunden ...
Wie?
Ich denke, indem mir zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen begegnet sind. Und dadurch, dass ich niemals aufgegeben, nie mich selbst oder meinen Traum verraten habe. Was Prag angeht, haben mich der Blick auf das Repertoire und die damit verbundenen Möglichkeiten überzeugt. Ich vollzog den Wechsel im Januar 2023, allerdings standen zu dem Zeitpunkt noch einige Vorstellungen in Berlin an, die ich noch zu tanzen hatte. Zum Glück war Filip Barankiewicz, der Ballettdirektor hier in Prag, sehr verständnisvoll und bot mir den Solistinnen-Vertrag an, obwohl ich noch ein paar Monate zweigleisig fahren musste.
Den Vertrag als Erste Solotänzerin erhielten Sie schon nach drei Monaten. Hat Sie das überrascht?
Immerhin gab es in der Kompanie ja schon zwei Japanerinnen in derselben Position. Ja, das hatte ich in der Tat nicht erwartet. Die Sache passierte nach der «Cinderella»-Produktion. Filip gratulierte mir und bot mir den Vertrag an.
Hat sich irgendetwas verändert, seit Sie Primaballerina geworden sind?
An meinem Tanz-Ethos hat sich, denke ich, überhaupt nichts geändert. Manche Leute sagen, dass man als Principal eine größere Mitverantwortung für das künstlerische Ergebnis empfindet, aber an mir bemerke ich das nicht. Ich habe immer versucht, mein Bestes zu geben, und habe in jeder Rolle dasselbe Verantwortungsgefühl. Einige Principals haben mehr freie Zeit zur Verfügung, aber ich verbringe meine Zeit ohnehin gerne im Studio. Daher glaube ich, dass ich genauso viel arbeite wie vorher.
Hat die Stimme eines Principals möglicherweise mehr Gewicht, wenn bestimmte Rollen im Repertoire besprochen werden?
Ich glaube, man kann da in jeder Position seine Meinung beitragen. Als Principal wird man eben mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Titelrolle besetzt und braucht nicht im Corps de ballet zu tanzen, aber das ist eigentlich alles. Hier in der Prager Kompanie teilen wir uns die Arbeit allerdings ziemlich oft, tanzen verschiedene Rollen innerhalb eines Stücks und so weiter, sodass man sich eigentlich nie zurücklehnen und ausruhen kann. Aber das macht mir nichts aus. Man ist halt ausgelastet, und so mag ich es auch.
Ist der Konkurrenzkampf hart?
Im Nationalballett gibt es aktuell nur wenige tschechische Tänzerinnen und Tänzer. Stattdessen bewerben sich jedes Jahr viele junge Nachwuchstalente aus aller Welt um die Aufnahme in die Kompanie. Ich denke, der Konkurrenzkampf ist vor allem im Corps de ballet ausgeprägt, wenn es darum geht, da überhaupt reinzukommen, eine kleine Rolle als Erstbesetzung zu ergattern oder eine Vertragsverlängerung zu bekommen. Aber das ist wohl in allen Kompanien gleich.
Sie sind seit über 15 Jahren als Profitänzerin aktiv. Wie bleibt man bei einem solchen Arbeitspensum gesund und fit?
Das ist wirklich nicht leicht. Ich achte darauf, mich immer ordentlich aufzuwärmen und abzukühlen. Früh genug im Studio zu erscheinen, hat daher oberste Priorität. Nach den Proben, also nach 18 Uhr, bleibe ich immer noch ein bisschen länger, um mich zu dehnen und zu entspannen. Außerdem ernähre ich mich gesund und trinke viel Wasser.
Gesund zu essen, ist Ihnen das beigebracht worden?
Ich denke, dass ich dank meiner Erziehung dafür sensibilisiert bin. Meine Mutter hat immer gekocht, daher finde ich es ganz natürlich, auch für mich selbst zu kochen. Da weiß man, was drin ist, und man kann sich Gedanken über die eigene Ernährung machen. Natürlich gehe ich auch gern essen, aber Kochen macht mir großen Spaß.
Heißt das, Sie zählen beim Kochen die Kalorien und achten auf den jeweiligen Nährwert?
Manche Leute verordnen sich selbst Diäten, aber so was mache ich nicht. Ich arbeite so viel, dass ich ohnehin eine Menge Kalorien verbrenne. Aber auch ich hatte schon gewisse gesundheitliche Probleme und musste lernen zu verstehen, was mein Körper braucht, und dass Diäten durchaus auch schädlich sein können. Zum Glück gehört das der Vergangenheit an.
Und die körperliche «Hardware»? Keine Verletzungen oder Gelenkprobleme?
Gott sei Dank hatte ich noch keine größeren Verletzungen, die ein längeres Pausieren nach sich gezogen hätten. Ich achte darauf, mir ausreichend Ruhe zu gönnen, und massiere meine Muskeln jeden Abend mit einer Massagepistole – die wirkt wirklich Wunder. Wir können aber auch in der Kompanie Physiotherapie in Anspruch nehmen, allerdings nur während der normalen Geschäftszeiten, das muss man dann zeitlich irgendwie einrichten. Das Theater hat außerdem sein Fitnessstudio renovieren lassen. Da kann man nach der Arbeit hingehen, während der Mittagspause oder auch am Wochenende.
Und wie halten Sie sich über den Sommer oder während längerer Ferienzeiten fit?
In der Ferienzeit findet kein Training statt, da praktiziert also im Grunde niemand Ballett, die meisten Leute ruhen sich einfach nur aus. Ein Profi-Körper gerät nicht so schnell außer Form. Normalerweise fliege ich im Sommer nach Japan und besuche meine Familie und meine Freunde. Dort habe ich dann meistens auch ein paar Gala-Vorstellungen, also halte ich mich entsprechend fit und unterrichte nebenher auch ein bisschen. Dieses Jahr werde ich auf zwei Gala-Vorstellungen tanzen, einer in Tokio und einer in Osaka. Zwar ist es im Sommer dort sehr heiß, aber es ist nun mal die einzige Möglichkeit, für längere Zeit am Stück in Japan zu sein.
Sehen Sie sich in zehn Jahren wieder dauerhaft in Japan leben?
Nicht wirklich. Das ist jedenfalls nicht geplant. Ich fühle mich in Europa sehr wohl. Derzeit arbeiten zehn japanische Tänzerinnen und Tänzer hier in der Kompanie. Ich habe also nicht das Gefühl, von meinen Landsleuten komplett isoliert zu sein.
Die Zahl japanischer Tänzerinnen und Tänzer steigt in Europa beständig. Obwohl Tanzen bei jungen Mädchen als Hobby auf Platz drei der Beliebtheitsskala steht, gibt es in Japan nicht genug bezahlte Jobs im Tanzsektor, stimmt das?
Ja, und an dieser Situation hat sich auch nichts verändert. Bezahlte Stellen gibt es nur wenige, und die Gehälter sind noch dazu so niedrig und unsicher, dass selbst die besten Tänzerinnen und Tänzer Nebenjobs annehmen müssen, um über die Runden zu kommen. Und doch findet man noch in der kleinsten japanischen Stadt quasi an jeder Straßenecke ein Ballettstudio – übrigens auch für Erwachsene. Ballett ist sehr beliebt, und man kann leicht zum «Junkie» werden und davon träumen, ein berühmter Ballettstar zu werden. Die Realität sieht natürlich anders aus. In Japan ist es unheimlich schwer, eine ernsthafte Tanzkarriere zu verfolgen.
Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Sie wissen, dass Sie nicht ewig an der Spitze tanzen können.
Mein Ziel ist eine Stelle als Ballettmeisterin, entweder hier in Prag, oder bei einer anderen Kompanie. Unterrichten und Menschen voranbringen – das ist meine Leidenschaft. Einen Schritt zur Seite zu treten und Künstlerinnen und Künstlern weiterzuhelfen, ich glaube, das würde mir gefallen. Ich habe Unterrichtserfahrung an japanischen Summerschools gesammelt und auch während der Covid-Pandemie einige Tanztrainings geleitet. Das hat mir großen Spaß gemacht.
Hat sich Ihrer Meinung nach die Tanzausbildung in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Ich nehme einen großen Wandel hier in Europa wahr. Lehrerinnen und Lehrer nehmen vermehrt Fragen der Gesundheit und Nachhaltigkeit in den Blick, die Beziehung zwischen Lehrenden und Auszubildenden verbessert sich stetig, gegenseitiger Respekt spielt eine größere Rolle als noch in der alten Ballettwelt, wo man ja im Grunde kein Mitspracherecht besaß. Heute besteht auf beiden Seiten eine größere Bereitschaft zur Diskussion, jedenfalls meiner Beobachtung nach. Auch wenn es immer noch einige Institutionen gibt, in denen man es durchaus mit verbaler Gewalt zu tun bekommt.
Ist Ihnen so etwas persönlich widerfahren?
Leider ja. Vielleicht nicht in dem Maße, wie es andere erlebt haben, aber doch, ja.
Wie sieht es diesbezüglich in Japan aus?
Japanerinnen und Japaner sind nicht grob im Umgang miteinander. Sie sind höflich. Aber genau da liegt das Problem! Dort wird einem beigebracht, höflich zu sein und die ältere Generation zu ehren und zu gehorchen. Das bedeutet, dass junge Menschen Erwachsenen gegenüber keine Widerworte geben dürfen. Man kann nicht einfach «Nein» sagen, selbst wenn es angebracht wäre oder man dadurch Verletzungen aus dem Weg gehen könnte. Selbst wenn man schon 30 Jahre alt ist, muss man seinem Lehrer, seiner Lehrerin gehorchen. In Europa hat man unterschiedliche Möglichkeiten der Kommunikation. Hier wird man nicht für seine Meinung verfolgt. Doch ich denke – und hoffe –, dass sich das langsam auch in Japan verändert. Die jüngere Generation ist mutiger geworden und versucht, einen kulturellen Wandel einzuleiten.
Was würden Sie Balletttänzerinnen und -tänzern raten, wenn die Karriere mal nicht so optimal verläuft?
Wenn du das Gefühl hast, an einem gewissen Punkt festzustecken, dann zieh dich ruhig mal aus dem Ballett raus. Sich auf die Karriere zu konzentrieren ist gut, aber lies auch mal Bücher, guck Filme, trink mit deinen Freunden Kaffee ... Wir neigen alle manchmal dazu, bestimmte Dinge allzu wichtig zu nehmen. Mir ist bewusst, dass unsere Karriere kurz bemessen ist. Aber es kann schnell passieren, dass man sich auf eine Idee oder ein Ziel versteift. Wichtig ist, dass man Mensch bleibt und versteht, dass es im Leben um mehr geht als nur ums Ballett. Dass man nicht vergisst, dass es auch ein Leben außerhalb des Studios gibt.
Aus dem Englischen von Marc Staudacher
Tanz Juli 2024
Rubrik: Menschen, Seite 25
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