biarritz: nocturnes, estro
Und plötzlich wird er melancholisch? Ausgerechnet Thierry Malandain, der sonst so kecke, freche, mit sinnlich-erotischer Inspiration spielende Erneuerer stellt im Zweiteiler «Nocturnes» und «Estro» Weltschmerz und die Beziehung zum Tod in den Mittelpunkt. Die beiden neuen Stücke verbreiten keine Jubelstimmung, sind vielmehr durchdrungen von Romantik und Jugenderinnerungen. Chopins «Nocturnes» treffen auf Vivaldis «L’Estro armonico», angereichert mit Passagen aus seinem «Stabat Mater».
Beginn mit Chopin, in nächtlicher Stimmung.
Ein Mondstrahl zerschneidet das Dunkel, durch diese Schneise schiebt sich eine Prozession Vertriebener des Tages, in ausgeblichene Erdtöne gekleidet. So schlägt Malandain den Bogen zu mittelalterlichen Totentänzen, denen er auf Wandmalereien begegnete. Ein solches Bild lässt er nun plastische Gestalt annehmen und versetzt es in Bewegung. Dieses lebendige Relief besteht mal ganz aus Frauen im Unisono, mal scheint ein Paar sich trennen zu müssen.
Tragik liegt in der Luft. Hier mag die Pest ihren Tribut fordern, der Krieg oder die Emigration. Körper und Seelen bleiben durch die Liebe zum Leben verbunden. Hebefiguren, Développés und Fouettés fließen in ...
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Tanz Juni 2015
Rubrik: kalender und kritik, Seite 50
von Thomas Hahn
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