Erna Ómarsdóttir
Die Welt verändert sich, unsere Wirklichkeit verändert sich – kleine überraschende Abweichungen von der Natur, und wir als bedeutungslose Organismen versuchen, darauf zu reagieren und beharrlich weiterzumachen. Unsere Welt wird nicht aufhören, uns Sachen vor die Füße zu schmeißen. Schon in der Vergangenheit hatten wir Seuchen, Kriege und alle möglichen Krisen, von denen die Mehrzahl entweder mittelbar oder unmittelbar von uns selbst produziert war. Die jüngste, das Coronavirus, hat von uns verlangt, dass wir voneinander Abstand halten und Kontakte sowie Berührungen vermeiden.
Während der Pandemie sollten meine künstlerische Partnerin Halla Ólafsdóttir und ich eigentlich mit der Iceland Dance Company an einer Neufassung von «Romeo und Julia» arbeiten, ursprünglich 2018 am Münchner Gärtnerplatztheater von uns choreografiert bzw. inszeniert. Neue Wege zu finden, dieses Werk während des Lockdowns und danach weiterzuentwickeln, war eine interessante Herausforderung: die berühmteste Liebesgeschichte aller Zeiten; Küsse, ohne zu küssen; Berührungen ohne zu berühren; Umarmungen aus der Entfernung. Und der Versuch, intensive, lang ausgedehnte, brutale Kampfszenen in einem Bühnenstück zu ...
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Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 34
von Erna Ómarsdóttir
Es ist fast 20 Jahre her, seit Alina Cojocaru bei der «Nijinsky-Gala 2001» in Hamburg nicht nur den Pas de deux aus «Blumenfest in Genzano», sondern auch den zweiten Akt aus «Giselle» mit Ethan Stiefel tanzte. Obwohl ich Alina zuvor als faszinierende Tänzerin in London erlebt hatte, wurde dieser Gala-Auftritt in Hamburg für mich zu einer Offenbarung. Ihre...
Die Krise der letzten Monate hat mir durchaus positive Erkenntnisse beschert. Die abrupte Schließung unseres Theaters hat uns und unserem Publikum vor Augen geführt, dass der bis dahin als selbstverständlich erachtete fortwährende Vorstellungsbetrieb mit seiner anscheinend endlosen Kette von Premieren, Wiederaufnahmen und Repertoirevorstellungen nicht...
In der sechsten Woche der wegen der Corona-Pandemie geschlossenen Theater streamt das Hamburg Ballett «Tod in Venedig»: 2001 von John Neumeier choreografiert nach der Novelle von Thomas Mann. Es geht um einen Choreografen im von der Cholera bedrohten Venedig, er muss Abstand halten zu anderen Menschen. Aber Abstand ist ein Ding der Unmöglichkeit in der Kunst. Weil...
