Die Vergangenheit des anderen
Es ist ein bewölkter Sonntag. Kaum jemand ist auf der Straße, doch in diesem Café haben sich zu viele Menschen versammelt, sodass sie meinen Gedanken keinen Raum lassen. Ich setze mich nach draußen, entschlossen, mich von allen anderen fernzuhalten; ich möchte mich in alten und neuen Gedanken verlieren, mich von ihnen überwältigen lassen. Ein doppelter Espresso, ein abgegriffenes Notizbuch und ein halb offenes, halb vergessenes Buch teilen sich den Platz auf dem Tischchen. Ich hingegen bin gefesselt an diesen unbequemen, wackeligen Stuhl.
Von diesem fragwürdigen Exil aus beobachte ich die vergehende Zeit. Ich halte Ausschau nach jenem Funken von Leben, der aus dem Nichts auftaucht und dann wieder verglüht, nach jener unerwarteten, poetischen Geste, die auf dem Asphalt dieser Straßen erblüht, um dann im allgemeinen Chaos der sich bewegenden Gesellschaft wieder zu entschwinden. Es ist ein zerbrechlicher, ein zarter Moment; nur schwer zu fangen. Ich muss geduldig sein und wie ein Jäger still ausharren. Man muss seine Bedürfnisse zur Ruhe betten, gleichzeitig jedoch wachsam sein, man muss das Zeitgefühl ausschalten, sich selbst vergessen. Und genau dort, in diesem Hohlraum zwischen ...
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Tanz Jahrbuch 2023
Rubrik: John Cranko, Seite 40
von Alessandro Giaquinto
Wie so vielen Kollegen, die ihre neue Direktion mit tollen Projekten antreten wollten, vermasselte auch ihr die Pandemie den Einstieg. Aber Bridget Breiner setzte beim Wechsel von Gelsenkirchen zum fast dreimal so großen Badischen Staatsballett ihre eigenwillige Programmierung fort und gestaltet seitdem einen erstaunlichen Spielplan, der in den Ballettabenden eben...
Versuchung und wilde Verzweiflung. In dieser Nacht gehen sie Hand in Hand. Was soll sie tun? Was darf sie fühlen? Was sagen? Nichts. Rein gar nichts. Also weist sie ihm die Tür.
Nelken, soweit das Auge reicht. Dazwischen ein Mann. Dunkler Anzug, farbige Krawatte. Und Lippen, Arme, Hände, die das Bild eines anderen beschwören: «The Man I Love».
Sie trotzt seinen...
Ein Schlüsselmoment im Leben. Ein 18 Jahre junger Tanzstudent sitzt mit seiner Klasse in der Turbinenhalle der Tate Modern Gallery in London. Eine zarte, blasse Frau betritt die Halle, und plötzlich ändert sich etwas im Raum. Die Blicke kennen nur noch einen Fixpunkt. Seine Kommilitonen sind – wie er es nennt – «star-struck». Sie tuscheln. Ein Name fällt: Pina...
