Die lichtscheue Gattin der Republik

Johann Kresnik: «Hannelore Kohl» in Bonn

Tanz - Logo

Der Boulevard kreißte und gebar ein Skandälchen. Den alten Rampen-Revoluzzer Kresnik mag’s gefreut haben, dass die einschlägigen Blätter nach seiner gewagten «Hannelore Kohl» empört taten – anders als das Publikum. Wenn Helmut Kohl auch verlauten ließ, Kresnik miss­brauche die künstlerische Freiheit, so kam der Kanzler a. D. doch glimpflich davon. Der notorische Kunst-Berserker griff nicht in die Fäkalientonne und hielt sich auch unterhalb der Gürtelline einigermaßen im Zaum. Gewiss, Kresnik demontiert mit seinem Choreographischen Theater der Oper Bonn einen Intimfeind.

Er macht den Altkanzler zum feisten Popanz mit Narrenkappe und Aktenkoffer, lässt ihn als jungen Lüstling in Leoparden-Tanga kopulieren und als ignoranten Machtmenschen in Unterhosen mit der Sekretärin poussieren. Kohl stopft sich Fleischbrocken in den Schlund, wirft anderen welche zu, zerrt mit Amerikanern und Russen an der schwindsüchtigen DDR-Braut im Totenbett. Ein unappetitliches Geschäft, das aber nur das Naheliegende und Bekannte suggeriert. Hannelore Kohl dagegen, deren Freitod im Sommer 2001 das Tanzstück zum Tanzdrama erhöht, gilt seine Sympathie. Diese, von den Eltern in ein restauratives Korsett aus ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Februar 2005
Rubrik: On Stage, Seite 42
von Bettina Trouwborst

Vergriffen
Weitere Beiträge
A stream of sharp lines

Choreographer Nanine Linning is known for her often strong compositions and striking lighting designs. Alongside her work with the Scapino Ballet Rotterdam she continues to produce choreographies with her own foundation, Pipsters, for smaller theatres, including 2003‘s performance “Karpp?“ for dancers Iris Reyes and Mirjam ter Linden. This powerful but delicate...

Im Garten der Lüste

«Take my lovely illusions», singt Marlene ­Dietrich. Wer noch Illusionen hat, ver­gisst sie am besten, denn bei Stijn Celis geht es gleich zur Sache. Zu Beginn seines Stücks «Hidden Garden» lässt der Berner Tanzdirektor die Tänzer nackt auftreten und muntere Blicke ins Publikum werfen. Der paradiesische Zustand dauert nicht lang. Bald liegen auch die Seelen und die...

Das andere Schwarz

Ein Titel, der sich nur mit Sonderzeichen schreiben lässt als ­Beweis für den Willen zum Futurismus. Ja, das Markenzeichen von Système Castafiore sind entrückte, groteske Fantasy-­Welten.  
Ein Ball am Hof, eine Burg. Körper, die reihenweise in den Abgrund stürzen, ein Roboter in Käferform, ein König, der mit einem Schlauch beatmet wird. Sexspiele aufgeblasener...