Die lichtscheue Gattin der Republik

Johann Kresnik: «Hannelore Kohl» in Bonn

Tanz - Logo

Der Boulevard kreißte und gebar ein Skandälchen. Den alten Rampen-Revoluzzer Kresnik mag’s gefreut haben, dass die einschlägigen Blätter nach seiner gewagten «Hannelore Kohl» empört taten – anders als das Publikum. Wenn Helmut Kohl auch verlauten ließ, Kresnik miss­brauche die künstlerische Freiheit, so kam der Kanzler a. D. doch glimpflich davon. Der notorische Kunst-Berserker griff nicht in die Fäkalientonne und hielt sich auch unterhalb der Gürtelline einigermaßen im Zaum. Gewiss, Kresnik demontiert mit seinem Choreographischen Theater der Oper Bonn einen Intimfeind.

Er macht den Altkanzler zum feisten Popanz mit Narrenkappe und Aktenkoffer, lässt ihn als jungen Lüstling in Leoparden-Tanga kopulieren und als ignoranten Machtmenschen in Unterhosen mit der Sekretärin poussieren. Kohl stopft sich Fleischbrocken in den Schlund, wirft anderen welche zu, zerrt mit Amerikanern und Russen an der schwindsüchtigen DDR-Braut im Totenbett. Ein unappetitliches Geschäft, das aber nur das Naheliegende und Bekannte suggeriert. Hannelore Kohl dagegen, deren Freitod im Sommer 2001 das Tanzstück zum Tanzdrama erhöht, gilt seine Sympathie. Diese, von den Eltern in ein restauratives Korsett aus ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Februar 2005
Rubrik: On Stage, Seite 42
von Bettina Trouwborst

Vergriffen
Weitere Beiträge
Transitions

Er war der geborene James, groß ge­wachsen, gut aussehend und einem echten schottischen Adelsgeschlecht entstam­mend. Seinen dunkelgrünen Kilt trug Alan Jamison-Beale später bei festlichen Anlässen geradezu demonstrativ, aber von der Bühne hat er sich nach einem schweren Unfall bereits 1964 zurückziehen müssen, bevor er in «La Sylphide» seine differenzierte...

Neue Medien

Der deutsche Videotanzpreis der SK Stiftung in Köln wird biennal vergeben. Nun liegt eine DVD der Gewinner-Filme seit 1998 vor, dazu die nominierten Filme seit 2000. Nach wie vor am eindrucksvollsten, längsten, durchdachtesten, auch aufwändigsten ist Stephanie Thierschs «Georgia» von 2002, die als einzige Produktionsgelder von arte, ZDF und 3Sat erhielt, um im...

Ode an den Vogel

A-B-A-B. Harmonie-Disharmonie-Harmonie-Disharmonie. Gleichgewicht/ Ungleichgewicht, usw. ... Keine  Frage, das Weihnachtsprogramm an der Opéra national de Paris war kunstvoll gestrickt. Und im prunkvollen Foyer glänzte eine Tanne, geschmückt mit roten und goldenen Tanzschuhen. Vier Stücke statt der üblichen drei, davon zweimal Trisha Brown, und weder ein Balanchine...