Der Busen
Ein hoher Sprung, zweiunddreißig Drehungen, ein breites Lächeln und von den Unsichtbaren kein Zeichen des Aufbegehrens. Ballerinen haben keine: Brüste. Die beiden anarchischen Wundertüten sind im Weg, dem Partner und dem Port de bras. Sie stören die Linie, selbst wenn sie ideal symmetrisch gewachsen sind. Und wann sind sie das schon? Schlimmer noch, einmal in Bewegung, lassen sie sich nicht bändigen, es sei denn, man bände sie fest. Und aus ästhetischen Gründen tut man das auch im Tanz. Lycra sei Dank.
So nährt man die Illusion der totalen Kontrolle der Tänzerin über ihren Körper und der Choreografie über beide.
Erstaunlich. Da heißt es immer, der Tanz sei die sinnlichste der Künste. Dabei neutralisiert er den weiblichen Oberkörper. Der ist nachgewiesenermaßen übertrieben gestaltet. Vergleicht man uns mit den anderen Primaten, dann sind sich der Biologe und der Verhaltensforscher einig: Sie können mehr als Säuglinge stillen – die Brüste der Frau müssen ein Geschenk an den Mann sein. Zugegeben unpraktisch, aber eindeutig: erogene Zone.
Dessen sind wir uns natürlich bewusst. An weniger diskreten Tagen tragen wir T-Shirts mit der Aufschrift «Schau mir in die AUGEN, Kleiner!». Zu ...
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Auf der Bühne ist der nur handgroße Kopf eine Winzigkeit. Erst vor der Kamera wird das Gesicht groß und sprechend. Eine Rolle spielt das Gesicht auf der Bühne nur dann, wenn es spricht. Ein Tänzer, der den Mund hält, trägt sein Gesicht zur Zierde. Er muss schon lächeln, seine Zahnreihen freigeben, eine Grimasse schnitzen, damit die Krone des Körpers überhaupt...
Vermessen
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Die Liebesgedichte aus dem Mittelalter waren Gesänge vor dem Fenster der Angebeteten. Die Jungs priesen den Körper der Bewunderten von Kopf bis Fuß. Immer schön der Reihe nach. Von ihrem glänzenden Haar zum lieblichen Gesicht, und Stück für Stück immer weiter hinab, den makellosen Körper entlang bis zum zierlichen Fuß. In der orientalischen Dichtung erscheint der...
