Brief vom Faun
Choreografen, Ihr benutzt mich, als wär ich Euer Liebhaber. Und zärtlich seid Ihr zu Eurem Faun ja auch nicht. Tero Saarinen, der Finne, beschießt mich mit Videos. Anna Ventura, die Katalanin, pflanzt mich auf einen Eisblock. Bernardo Montet macht aus mir ein Reptil. Bei Jean-Claude Gallotta musste ich Bart tragen. Hat man als himmlischer Hirte der Natur nicht etwas mehr Bildtreue verdient? Als vor zehn Jahren Quatuor Knust in Paris meine Gesten zerriss, das steckt mir noch bis heute in den Knochen. Bin damals direkt zu Vater Pan in die Sprechstunde gerannt.
«Hab ich jetzt Arthrose?» Aber der hat ja für alles eine Erklärung, kratzte sich zwischen den Beinen, leckte an seiner Flöte und schüttelte den Kopf. «Die Franzosen können nicht anders. Müssen sich alles über den Intellekt erschließen, sezieren, geometrisch aufschlüsseln. Sie haben Angst vor den Instinkten.»
Das war ja schon bei Vaslav Nijinsky so, der jene Geilheit zu zeigen wagte, die Fokine und Petipa kulturbeflissen in ihrem Gentlemen’s agreement sublimierten. Falls Vaslav im Théâtre du Châtelet bei einigen Herren das Herz höher schlagen ließ und weiter unten für Aufstand sorgte, dann durften sie es nicht zugeben. Damals. ...
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