Gute Frage, Herr Forsythe

Tanz - Logo

«Warum steht Tanz in der Nahrungskette ganz unten?» Vor sechs Jahren wurde Deutschlands beste Kompanie, das Ballett Frankfurt, abgewickelt, weil «Politiker nicht verstanden, was Tanz bedeutet», sagt William Forsythe. Bedeutungslosigkeit hat damit zu tun, dass im Tanz Deutungs­losigkeit herrscht, um nicht zu sagen: Beliebigkeit bei der Interpretation gerade von Forsythes Werk. «In dieses Problem habe ich meine damalige Abfindung investiert.» Er fütterte den Computer mit seinem 17-minütigen Stück «One Flat Thing, Reproduced» aus dem Jahr 2000.

Wir selbst sahen damals, «wie hier das Ensemble in ungebremstem Furor sechzehn Tische über den Boden Richtung Publikum schrammt, mit ihnen flache Hürden baut, um sie im Affentempo zu über­schlittern, zu übergrätschen oder mit gestreckten Beinen zu überragen. Das haut nicht nur den einen oder anderen Tänzer um, bis er platt unterm Tisch liegt, sondern im übertra­genen Sinn auch den Zuschauer.» Die leidenschaftliche Beschreibung in ballet-tanz befriedigte den Meister nicht, weil er jedem Tänzer eine Führungsrolle übertragen und untersuchen wollte, wie Bewegung in flacher Hierarchie entsteht. Aber was man nicht sieht, kann man nicht wissen. Auf ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Mai 2009
Rubrik: Praxis, Seite 66
von

Vergriffen
Weitere Beiträge
Im Geisterhaus

Garderobe, unten «Wenn ich nach Hause komme, zieh ich meinen Mantel und meine Schuhe aus. Dann sehe ich in der Garderobe zuerst das Ölbild von Marie Camargo, eine der berühmtesten Tänzerinnen des 18. Jahrhunderts. Es ist leider nicht das Original von Nicolas Lancret, aber eine schöne Kopie aus dem 18. Jahrhundert. Ich freue mich, wenn ich sie sehe. Camargo war...

Brief vom Faun

Choreografen, Ihr benutzt mich, als wär ich Euer Liebhaber. Und zärtlich seid Ihr zu Eurem Faun ja auch nicht. Tero Saarinen, der Finne, beschießt mich mit Videos. Anna Ventura, die Katalanin, pflanzt mich auf einen Eisblock. Bernardo Montet macht aus mir ein Reptil. Bei Jean-Claude Gallotta musste ich Bart tragen. Hat man als himmlischer Hirte der Natur nicht...

Jochen Roller

Ein Stück über den Holocaust? Ein Stück über «uns», die dritte Generation, die nicht mehr und noch immer betroffen ist von der Wucht einer unbegreiflichen Vergangenheit? Ein Stück über Bilder, die uns beim Aufwachsen begleiteten, Erzählungen und Albträume, die uns unsere Großeltern mitgaben? Der Berg an Fragen, den der Hamburger Choreograf Jochen Roller an sein...