Berlin: Lea Moro «FUN!»
Wenn der Tänzer Micha Goldberg mit wehender Mähne im rosa Fransenkostüm über die Bühne galoppiert, dann gibt es kein Halten mehr – wir haben jede Menge Spaß. Auch daran, wie Goldberg und seine Mittänzer hier einen Abend lang Sponge Bob hoch drei mimen. Zwei Männer und drei Frauen sind in der selbstgebauten Vergnügungslandschaft von «FUN!» unterwegs zu nimmermüder Energieverschwendung.
Am Beginn juchzen sie ein eher schüchternes «Juhu» in die Zuschauerreihen der Kaserne Basel, dann kreisen die Tänzer mit Masken aus Karton und Schaumstoffröhren selbstverloren über die Bühne.
Die junge Schweizer Choreografin Lea Moro überträgt via «FUN!» die launige Welt der Freizeitparks in den Tanz und lokalisiert dabei das Zen-trum des Vergnügens im menschlichen Körper. Das ist ebenso minimalistisch wie verspielt und kommt fast ohne technische Ausrüstung aus, denn die Akteure machen einfach alles selbst – sie sind zugleich Fahrgäste und Fahrgeschäfte, Reiter und Pferde, Rutschbahn und Riesenrad. Als Zuschauer kommt man sich vor wie auf dem Karussell, die Drehbewegungen steigern sich bis zum «Drill» – einem horizontal um die eigene Achse rotierenden Ride aus isolierten Bewegungen von Kopf und Schultern. Das von abrupten Richtungswechseln unterbrochene Schwingen und Kreisen wird auf die Spitze getrieben. Dazu ertönt das bunte Rauschen der Sounddesignerin Jana Sotzko, die mit ihrem Mischpult munter ins Geschehen einbezogen wird.
Da die Tänzer offensichtlich ihren Spaß daran haben, überträgt sich der auch mühelos auf das Publikum. Inklusive Hand-Karaoke, wildem Sockentheater, Animation und Zaubern, was das Zeug hält: Hier spürt man die Anfänge von Lea Moro in der Tessiner Dimitri-Schule. Die Anzahl der Schaumstoff-Bällchen, die aus dem Mund von Micha Goldberg kullern, ist schier erstaunlich.
Lea Moro, die 2017/18 als Young Associated Artist am Tanzhaus Zürich residiert, baut geschickt Spannung auf, gibt dem Affen Zucker, um die Erwartung der Zuschauer im nächsten Augenblick ins Bodenlose stürzen zu lassen. Diese Mischung aus Draufgängertum und Unbekümmertheit ist entwaffnend. Vor dem Mikrofon zählen die Akteure Vergnügungen auf, die beinahe umsonst zu haben sind: Andrius Mulokas mag den Fahrtwind im Haar, Dani Brown mag Hüpfburgen, und «Storm Runner» Micha Goldberg mag Wurst in jeglicher Form. Erinnerungen aus der Kindheit überlagern sich mit Witzen, die so schlecht sind, dass wir sie schon wieder lustig finden. Lea Moro perpetuiert die Spaßkultur ins Absurde, neben Skurrilem blitzt Flachsinn auf – Spaß als das kollektive Einverständnis zu stupidem Unterhaltungsgebaren, als unablässig produziertes Konsumgut und Massenware. Ohne erhobenen Zeigefinger baut Moro solch ironisch performative Dienstleistungen in ihr Stück ein. Die Darsteller mimen die Angestellten einer Restaurantkette, die neben Cheeseburgern und Fritten schnell noch routiniert ein Geburtstagslied für den Kunden abspulen: Happiness is our business – yeah!
Wieder in Berlin, Festival «Tanz im August», HAU2, 11.–13.Aug.; Festival «Tanz in Bern», Dampfzentrale, 28., 29. Okt.; Lausanne, Arsenic, 8.–10. Nov. www.leamoro.com
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