Alain Platel
Ich zitiere sehr häufig einen Satz aus Amin Maaloufs Buch «Le Dérèglement du Monde» («Die Auflösung der Weltordnungen»): In Krisenzeiten sollte man (viel mehr!) in Kultur, Wissenschaft und Bildung investieren, denn kreative Lösungen dürfen wir von den Banken nicht erwarten.
Das ist alles.
Weitere Antworten auf die Frage, was bestehen bleiben muss und was sich innerhalb und außerhalb des Theaters ändern sollte, braucht es meines Erachtens nicht.
Ich bin absolut zuversichtlich, dass im Theater und in den Künsten allgemein genügend Vernunft, Intelligenz und Wagemut existieren, um etwas – was auch immer – zu bewegen.
Unser Hauptanliegen als Künstler sollte sein: die Welt mit unbändiger Neugier zu beobachten, die Geschehnisse zu kommentieren und Alternativen zu unterbreiten, wie man das Leben, das zu leben sich niemand ausgesucht hat, betrachten und leben kann.
Vielleicht noch ein persönlicher Gedanke: Die westliche Kunst ist eine Meisterin in der Darstellung menschlichen Leidens. Leid und Schmerz gehören möglicherweise zu den seltenen Erfahrungen, die wirklich allen Menschen auf diesem Planeten gemein sind. Sollte daran je ein Zweifel bestanden haben – spätestens jetzt haben wir ...
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Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 68
von Alain Platel
An einem dieser endlos langen Abende ohne jede Theateraussicht tut sich plötzlich mitten im Lockdown ein fremdes Fenster auf. Paris liegt uns zu Füßen, mittendrin der Eiffelturm, rund herum glitzernde Dächer und prachtvolle Fassaden – eben die ganze Schönheit, die der ehrgeizige Baron Haussmann der französischen Kapitale im 19. Jahrhundert verpasst hat. Das...
Tanzen, singen und sprechen mit Mundschutz und sechs Metern Abstand – wie soll das gehen? Wenn wir dabei nicht ersticken oder zumindest kollabieren, wird uns natürlich schon irgendwas einfallen – denn wir sind ja immer kreativ. Oder? Aber Spaß oder Sinn macht das nicht. Wie etwas darstellen ohne Nähe, ohne Raum, ohne (Gesichts-)Ausdruck und dann auch noch vor fast...
Die französischen Opern, allen voran die Opéra National de Paris, wurden bestreikt. Teilweise wochenlang, mit entsprechend katastrophalen Folgen für die Bilanz. Es ging unter anderem um Sonderregelungen bei der Rentenreform, die nicht zuletzt auch die Pariser Tänzerinnen und Tänzer ein paar Privilegien kosten sollten. Nicht alle Welt hatte Verständnis für ihre...
