Brief aus Prag
Am Bahnhof vorn am Eingang dreht der chinesische Obstverkäufer jede Erdbeere mit Spitze nach oben wie eine kleine Kanone. Im Postkartenständer prunken Fotos der berühmten Karlsbrücke, die mit vielen Heiligenfiguren bestückt und ansonsten menschenleer ist, beschienen von güldener Sonne. Prag, die Goldene, hat diesen leutelosen Anblick außer am allerfrühesten Morgen nie zu bieten.
Dafür ist die Stadt an der Moldau auf dem neuesten Stand der site-spezifischen Performancekunst: Auf und unter dieser Brücke sucht sie ihr Publikum, die Touristen.
Wir nehmen auf einem Ausflugsschiffchen Platz. Ein Künstler im albernen Matrosenshirt steuert ein paar Meter flussauf- und abwärts, deutet eloquent dreisprachig auf Gebäude und Geschichte. Karl hieß, so erfahren wir, deshalb «der Vierte», weil er vier Frauen hatte, unser Käpt’n heißt Benedikt der Zwölfte. So kichern wir, zwischen Ufer und Ufer, über allerlei billige Machosprüchlein. Der Fremdenführer will Verführer sein – statt auf Steine, schaut auf die Menschen!
Und was treibt sie um, an und weiter, in Prag? Wollte man vom zeitgenössischen Tanz darüber Aufschluss erhalten, etwa bei der diesjährigen tschechischen Tanzplattform, dann wär’s ...
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