Zeitgeist ausgeblendet
Krisen nähren Utopien. Nicht wenige träumen wieder von einer gerechteren und menschlicheren Gesellschaft. Der amerikanische Präsident denkt laut über eine atomwaffenfreie Welt nach – Thomas Morus grüßt aus der Ferne. Was macht da ein Regisseur mit der Utopie von Erlösung durch Mitleid, wie sie Richard Wagner in seinem «Parsifal» formuliert hat? Zumal dann, wenn er, wie Gerd Heinz es selbst bekennt, ein Unbehagen an diesem Komponisten empfindet? Die Antwort fällt überraschend aus. Heinz ist nicht angetreten, um Zweifel zu nähren: Er inszeniert die Utopie, denkt sie zu Ende.
Deshalb tut man gut daran, «Parsifal» am Staatstheater Meiningen vom Schlussakt her zu betrachten. Parsifal bringt den Gralsrittern und ihrem König Amfortas (makellos in Diktion und Phrasierung: Dae-Hee Shin) Erlösung, nachdem er durch den Verführungskuss der Kundry (beeindruckend in ihrer Expressivität: Anna-Maria Dur) zum durch Mitleid Wissenden geworden ist. Die Inszenierung weicht bei aller Textbuchgenauigkeit in drei wesentlichen Details vom Wagner’schen Original ab: Zwei kleine Kinder begleiten den greisen Gralsritter Gurnemanz (trotz seines jungfrischen Basses ein exzellenter musikalischer Erzähler: ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Das Leben ist kein Wartesaal», seufzt der schöne Bariton, der im richtigen Leben Sebastian Geyer heißt und an diesem Abend wechselweise Monsieur Juste und Arthur de St. Barbe darstellt. Recht hat er, denn ihm hat das Warten rein gar nichts genützt. Zwar ist ihm auf der Jagd glatt eine Fee in die Falle gegangen, die ihm drei Wünsche erfüllen wollte, wenn er sie nur...
Ein Trompe l’oreille ist diese Musik, nur scheinbar glanzvoll die Regenbogenbrücke am Schluss des «Rheingold». «Falsch und feig ist, was dort oben sich freut», klagen denn auch die Rheintöchter. Und selbst das Heldenmotiv (in Wien am Premierenabend im Übereifer ein wenig verzerrt) strahlt nur vermeintlich. Wotans «großer Gedanke» – eine Schimäre. An dieser Stelle...
Opernhäuser sind – zumindest in Deutschland – vom Staat hoch subventionierte Wirtschaftsbetriebe. Natürlich fließt hier als Umwegrentabilität durch die Ausgaben der Beschäftigten, der Gastkünstler und vor allem der Besucher ein Vielfaches an die Geldgeber zurück. Doch selbst ein so erfolgreiches Haus wie die Bayerische Staatsoper schafft kaum mehr als 30 Prozent...
