Zeitgeist ausgeblendet

Meiningen Wagner: Parsifal

Opernwelt - Logo

Krisen nähren Utopien. Nicht wenige träumen wieder von einer gerechteren und menschlicheren Gesellschaft. Der amerikanische Präsident denkt laut über eine atomwaffenfreie Welt nach – Thomas Morus grüßt aus der Ferne. Was macht da ein Regisseur mit der Utopie von Erlösung durch Mitleid, wie sie Richard Wagner in seinem «Parsifal» formuliert hat? Zumal dann, wenn er, wie Gerd Heinz es selbst bekennt, ein Unbehagen an diesem Komponisten empfindet? Die Antwort fällt überraschend aus. Heinz ist nicht angetreten, um Zweifel zu nähren: Er inszeniert die Utopie, denkt sie zu Ende.


Deshalb tut man gut daran, «Parsifal» am Staatstheater Meiningen vom Schlussakt her zu betrachten. Parsifal  bringt den Gralsrittern und ihrem König Amfortas (makellos in Diktion und Phrasierung: Dae-Hee Shin) Erlösung, nachdem er durch den Verführungskuss der Kundry (beeindruckend in ihrer Expressivität: Anna-Maria Dur) zum durch Mitleid Wissenden geworden ist. Die Inszenierung weicht bei aller Textbuchgenauigkeit in drei wesentlichen Details vom Wagner’schen Original ab: Zwei kleine Kinder begleiten den greisen Gralsritter Gurnemanz (trotz seines jungfrischen Basses ein exzellenter musikalischer Erzähler: ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2009
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Alexander Dick

Vergriffen
Weitere Beiträge
Im falschen Film

«Lohengrin» hat gegenwärtig Konjunktur (siehe OW 5/2009). Zwischen den beiden Extremen, Stefan Herheims überbordender und das Stück wohl auch überfordernder Assoziationsfülle in Berlin und Stanislas Nordeys visionärer Askese (oder was davon in Stuttgart übrig blieb), hat sich Jens-Daniel Herzog in Frankfurt für den Mittelweg, die realistische, die psychologische...

Keine Chance für Gefühle

Unter den Reformopern Glucks dürfte die 1777 uraufgeführte «Armide» derzeit den höchsten Aktualitätswert besitzen: Wenn die Titelheldin erkennen muss, dass wahre Liebe in einer einzig durch Konsum und Konvention bestehenden Gesellschaft keine Chance hat, passt das auf die durchsexualisierte Welt des 21. Jahrhunderts. Und wenn Armide am Ende von ihrem Rinaldo...

Vollendet das ewige Werk?

Ein Trompe l’oreille ist diese Musik, nur scheinbar glanzvoll die Regenbogenbrücke am Schluss des «Rheingold». «Falsch und feig ist, was dort oben sich freut», klagen denn auch die Rheintöchter. Und selbst das Heldenmotiv (in Wien am Premierenabend im Übereifer ein wenig verzerrt) strahlt nur vermeintlich. Wotans «großer Gedanke» – eine Schimäre. An dieser Stelle...