Zeichen und Wunder
Ganz allein sitzt er da. Einen Tisch, ein Glas Wasser, ein paar fliegende Notizen, den Laptop (sein elektronisches Archiv), eine Leinwand über dem Kopf – mehr braucht Alexander Kluge nicht, um in dem noch abgedunkelten «Elektra»-Raum ein komplettes Zentennium in Schwingung zu versetzen. Ach was, Millennien durchmisst er binnen einer guten Stunde – und die kosmische Zeit von Sonne, Mond und Sternen dazu.
Georg Baselitz, der Großmaler, mit dem er gerade ein Buch herausgebracht hat («Parsifal Kontainer») und eigentlich hier, in der Felsenreitschule, die für das Corona-Not-Programm der Salzburger Festspiele aufgelegte Reihe «Reden über das Jahrhundert» eröffnen sollte, ist nicht gekommen. So macht Kluge es eben allein. Auf die 90 geht dieser virtuose Assoziationskünstler inzwischen zu! Als er 1932 in Halberstadt zur Welt kam, stand das von Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss als völkerverbindendes Friedensprojekt begründete Festival erst im zwölften Jahr.
Die Verheerungen des Ersten Weltkriegs, der Untergang der alten Reiche steckten Europa noch in den Knochen. Auch die Erinnerung an die Millionen Opfer der Influenza-Pandemie, die zwischen 1918 und 1920 unter dem ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Albrecht Thiemann
Nachdem der fragwürdige Staatsrechtler Carl Schmitt im Alter seiner Paranoia verfallen war, äußerte er zu einem Bekannten, er müsse seinen berühmten Satz «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet», den er nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben habe, korrigieren. Nun sage er stattdessen: «Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.»
Das klingt...
Michail Glinka war also Antisemit. Und deshalb darf die Berliner U-Bahn-Station «Mohrenstraße» nicht nach der Straße umbenannt werden, in der das Haus liegt, in dem der russische Komponist 1857 starb.
Mit Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus in der Operngeschichte ist es freilich eine vertrackte Sache. In Berlin hält die U-Bahn auch am «Richard-Wagner-Platz»....
Sehnsüchtig blickt Catherine Malfitano zurück auf ihre Zeiten als Primadonna. Damals, anno 1992, drehte die amerikanische Sopranistin an den drei römischen Originalschauplätzen der «Tosca» an der Seite eines schwärmerischen Plácido Domingo jene Verfilmung des Puccini-Schockers, die den Realismus des Verismo im historischen Ambiente einzufangen suchte. In Aix...
