ZAUBERINNEN IN NOT
Georg Friedrich Händels mehr als 40 Opern sind ein unerschöpfliches Reservoir für Recitals. Die barocke Da-capo-Arie war eine Schablone, aber in der Hand eines Ausnahmekönners wie Händel gebot sie über unbegrenzte Möglichkeiten, einen emotionalen Seelenzustand so unmittelbar in Musik auszudrücken, dass hinter dem Gesang ein Individuum, ein Gesicht sichtbar wurde und wird. Oft hält man den Atem an, und manchmal bleibt einem sogar fast das Herz stehen, wenn seine Figuren sich im Gesang verströmen, wie jetzt auf dem neuesten Album der französischen Sopranistin Sandrine Piau.
Gewidmet hat sie es den «Enchanteresses» – jenen starken, aber auch verletzlichen barocken Zauberinnen aus dem Garten der Lüste, die das Begehren der Männer fesseln, dann aber doch an den Verirrungen ihrer eigenen Leidenschaft tragisch zugrunde gehen. Piau selbst ist ja eine singende Zauberin, die nach drei Jahrzehnten einer beispiellos erfolgreichen Karriere noch immer ihr Publikum fesselt – als Überbringerin des furiosen Hasses, wie ihn Melissa in der frühen Oper «Amadigi di Gaula» zu obligater Trompete und Oboe im virtuosen Koloraturfeuerwerk abbrennt; noch mehr aber als Botin jenes schmerzlichen Klagetons, ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 32
von Uwe Schweikert
Früher, da hieß Dubí Eichwald. Jetzt heißt Eichwald Dubí. Und das ist gut so. Heute wohnen etwa 8000 Menschen in dieser Kleinstadt in Nordböhmen, am «oberen linken Rand» von Tschechien. Die Wälder sind dicht, aus Lichtungen leuchten helle Hausfassaden hervor. Sonst sehen wir den Wald vor lauter (böhmischen) Bäumen kaum. Ein bayerischer Schriftsteller – Carl Oskar...
Das Leben, bemerkte einst der weise Laotse, werde nach Jahren gezählt und nach Taten gemessen. Der Arnold Schoenberg Chor darf dies gerne auf sich beziehen: Nach Jahren gezählt ist man ein halbes Jahrhundert alt – und nach Taten gemessen nimmt man im Genre des Chorgesangs, geistlich und weltlich, konzertant und szenisch, eine weltweit herausragende Stellung ein....
Der Dichter fabuliert im nächtlich narkotisierten Raum. Und eigentlich will er nur seiner Liebe Ausdruck verleihen. Doch das ist passé, die Angebetete hat ihn zurückgewiesen. Also zwinkert er ihr, mit gespitzter Feder, ein letztes Mal zu: «Sing nicht, du Schöne, sing nicht mehr, / Grusiniens gramerfüllte Lieder. / Sie rufen ferne Ufer her, / Sie wecken altes Leben...
