Werden und Vergehen
Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht danach umbringen?» So soll Gustav Mahler, die soeben vollendete Partitur seines «Lieds von der Erde» aufschlagend, nach dem Zeugnis Bruno Walters gefragt haben. Heute ist die Symphonie in Liedern mit ihrer unaufgelösten Polarität von Werden und Vergehen im Kanon angekommen.
Rund zweihundert Aufnahmen verzeichnet die Internet-Diskographie der Mahler-Foundation; darunter finden sich im letzten Jahrzehnt überraschenderweise mehr Einspielungen der von vielen Mahlerianern als defizitär empfundenen Version Arnold Schönbergs und Rainer Riehns als der des Originals. Mahlers subtil auskomponierte Osmose von Symphonik und Lied, spätromantisch üppigem Orchesterklang und kammermusikalisch geringstimmigen Passagen geht in der Reduktion für 13 Instrumente zwangsläufig verloren. Dafür legt sie mit ihrem geschärften Klang eine Art Röntgenbild des thematisch-motivischen Gewebes frei – Mahler gleichsam unter der Lupe. Was wir hören, ist fast schon Musik von jenem anderen Planeten, den zur selben Zeit Schönberg als Erster betrat.
Der Anfang Juli 2020 im Chor der Pariser Basilika Saint-Denis entstandene Livemitschnitt betont diese ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 35
von Uwe Schweikert
Mögen sie einander auch in noch so intimer Abneigung verbunden sein: Ein Duell unter Edelmännern setzt die Wahl der gleichen Waffen voraus. Das gilt im wahren Leben wie in der Kunst. Also lässt Giorgio Battistelli für «Orazi e Curiazi», jene Kostbarkeit des Instrumentalen Theaters, zwei Schlagzeuger aufeinandertreffen, deren perkussives Instrumentarium nahezu...
Man kämpft sich, vom Bahnhof Friedrichstraße kommend, durch die Masse von Demonstrierenden, die Freiheit und Selbstentfaltung der Frauen im Iran fordern, und denkt sich: «In der Komischen Oper gibt es gleich Nonos ‹Intolleranza›. Da geht es auch um das, was Menschen anderen Menschen antun können!» Und man ertappt sich dabei, die eigene Lebenswelt im zufälligen here...
Ein «Sorgenkind» war «Fidelio» nicht nur für den Komponisten selbst. Auch die Nachwelt, vor allem die inszenierende, hat sich an diesem Stück die Zähne ausgebissen, insbesondere an der schier unauflösbaren Dichotomie aus (heiter-hellem) Singspiel und (dämonisch-dunklem) Drama. Zu wenig bewältigt schien die formale Frage, zu groß der Unterschied der «Strömungen», um...
