Wenn der Schleier fällt
Eine verschleierte Frau auf die Bühne zu bringen, birgt gewisse Gefahren. Das Motiv ist derzeit stark konnotiert, der Vorwurf der Islamophobie liegt allzu nahe. Zwar lässt sich die «verhüllte» Königin der Nacht noch unter altägyptischem Mummenschanz verstecken, den es freimaurerisch zu entrümpeln gilt, auch Salomes sieben Schleier sind als erotisches Accessoire erschöpfend definierbar.
Wirklich gefährlich wird es jedoch im Fall von «König Kandaules»: Zemlinskys 1933 begonnene Oper stellt die Verschleierung ins Zentrum und damit unangenehme Fragen: Wozu eine solche Maßnahme, was heißt das für die Trägerin, und was bedeutet Entschleierung? Das Anhaltische Theater beschäftigt sich mutig mit ihnen und ohne in vordergründige Hermeneutik abzugleiten.
Drei hervorragend besetzte Hauptrollen garantieren den Erfolg: Tilmann Ungers eleganter Tenor ist bestens geeignet, die ambivalenten Gefühlsregungen des Königs zu verkörpern, Kay Stiefermann verleiht als kernig-dramatischer Bariton dem Fischer Gyges packende Bühnenpräsenz, und Iordanka Derilova, Grande Dame des Hauses, dringt mit ihrer Schlussarie in Dimensionen vor, die gewöhnlich einer Brünnhilde vorbehalten sind. Überhaupt gehört dieses ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Volker Tarnow
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