Weihrauch ist ihm fremd

Musikkritik als Analyse und Argumentation: Jürgen Kesting zum 85. Geburtstag

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Schlägt man das Kapitel zu Anna Netrebko in Jürgen Kestings Monumentalwerk «Die großen Sänger» auf, so spürt man sofort, dass den Autor die Kunst in ihrer ganzen Welthaltigkeit interessiert: als Ware, als Medienphänomen und als Gegenstand eminenter Eigenbedeutsamkeit.

Kesting zitiert dort Rudolf Gröger, den damaligen CEO des Mobilfunkunternehmens O2, mit der Einschätzung, Anna Netrebko sei «eine junge Wilde – ehrgeizig, aufgeschlossen und ohne Allüren. Sie spricht eine hochwertige Zielgruppe an».

Wir begegnen der russischen Sopranistin zunächst als einem zielgruppenoptimierten Produkt. Danach untersucht Kesting die Sprache der Rezensenten und erkennt in den «flotten Floskeln», wie er sie nennt, über die «warmstimmige Sopranistin, die aus der Kälte kam» und «Koloratur mit Köpfchen und Kampfeslust» genau jenen «Zeitgeist, der nichts mehr schätzt als Superlative unverbindlicher Allgemeinheit».

Doch dann nimmt Kesting die Sängerin als solche ernst, wie er die Reaktionen des Publikums ernst nimmt, das bei Netrebkos Auftritten und Aufnahmen das verspüre, «was in der Emotionsforschung als Chill bezeichnet wird». Kesting attestiert Netrebko «ein außergewöhnliches sängerisches Talent», ...

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Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Jan Brachmann

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