Weihrauch ist ihm fremd
Schlägt man das Kapitel zu Anna Netrebko in Jürgen Kestings Monumentalwerk «Die großen Sänger» auf, so spürt man sofort, dass den Autor die Kunst in ihrer ganzen Welthaltigkeit interessiert: als Ware, als Medienphänomen und als Gegenstand eminenter Eigenbedeutsamkeit.
Kesting zitiert dort Rudolf Gröger, den damaligen CEO des Mobilfunkunternehmens O2, mit der Einschätzung, Anna Netrebko sei «eine junge Wilde – ehrgeizig, aufgeschlossen und ohne Allüren. Sie spricht eine hochwertige Zielgruppe an».
Wir begegnen der russischen Sopranistin zunächst als einem zielgruppenoptimierten Produkt. Danach untersucht Kesting die Sprache der Rezensenten und erkennt in den «flotten Floskeln», wie er sie nennt, über die «warmstimmige Sopranistin, die aus der Kälte kam» und «Koloratur mit Köpfchen und Kampfeslust» genau jenen «Zeitgeist, der nichts mehr schätzt als Superlative unverbindlicher Allgemeinheit».
Doch dann nimmt Kesting die Sängerin als solche ernst, wie er die Reaktionen des Publikums ernst nimmt, das bei Netrebkos Auftritten und Aufnahmen das verspüre, «was in der Emotionsforschung als Chill bezeichnet wird». Kesting attestiert Netrebko «ein außergewöhnliches sängerisches Talent», ...
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Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Jan Brachmann
Schwör mir keine Treue, leist mir keinen Eid», singen Báron Pista und die Generalkonsulstochter Lya in einer der bekanntesten Nummern der «Frau von Format», die damals aus vielen Grammophonen tönte. 1927 kam die revueartige Operette am Berliner Theater des Westens heraus. Und natürlich ist weder Pista ein echter Baron noch Lyas Vater ein echter Generalkonsul: Wie...
Am Ende gibt es keinen filigranen Pinselstrich mehr, da greift sie flugs zur breiten Borste. Mit fettem Schwarz übertüncht Senta ihr Gemälde, und parallel dazu färbt sich der heruntergelassene Gaze-Vorhang dunkel – auf dass nichts mehr zu sehen ist vom Holländer und der vierstöckigen Hochzeitstorte, vor der Matrosen und Gäste verröcheln, manche voller Blut; eine...
Epochenumbrüche gehen mit brutalen Verwerfungen einher. Der zwischen Antike und Mittelalter liefert hierfür ein Paradebeispiel. Das Römerreich fällt unter dem Ansturm von Völkern jenseits seiner Grenzen, angeführt etwa von Hunnenkönig Attila. Doch billigt ihm der Regisseur Leo Muscato als Einziger der Hauptfiguren in Verdis 1846 an La Fenice uraufgeführtem Frühwerk...
