Was für ein Würstchen!
So sieht er also aus, der gekränkte Mann, frisch, nach vollbrachter Tat: das Hemd blutverschmiert, die Haare wirr, den Mund voller Entschuldigungen. «Du hast dich lustig gemacht über mich!», «Du hast meine Karriere verdorben!», «Du bist ein Dämon!» Wir hören Don José, dargestellt vom Klaus-Kinski-haft berserkernden Schauspieler Lasse Myhr, und denken an die autoritären Machthaber dieser Tage: Putin, Trump, Erdoğan, sich in ihrer Ehre von was auch immer gekränkt fühlende Männer, die ihre Kränkung in die Aggression ableiten.
Wir denken an die vielen Menschen, die diese Männer gewählt haben, weil sie sich in ihrer eigenen Frustration abgeholt fühlen. Und wir stellen fest, dass Nadja Loschky in ihrer Dresdener «Carmen» so etwas wie den Archetypus unserer gegenwärtigen Epoche auf die Bühne gestellt hat. Vielleicht wird man später ja einmal vom «Zeitalter des gekränkten Mannes» sprechen.
Bei Loschkys Semperoper-Debüt steht Don José fast immer auf der Bühne – als Schauspiel-Double, das die Erzählperspektive zu unterstreichen hat. Bizets «Carmen», das ist bei der Intendantin des Theaters Bielefeld eigentlich ein «Don José». Carmen selbst erscheint nur als geheimnisvolle Dame, meist in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Clemens Haustein
Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth, 1968 in der Steiermark geboren, verfolgt seit Langem und erklärtermaßen die Absicht, dass es ihr, wenn sie die Kunstform Oper ansteuert, nicht darum zu tun ist, die bewährte «Synthese» der Künste zu realisieren, und auch nicht darum, irgendeine Form des Gesamtkunstwerks zu suchen; sie strebte immer schon zu etwas...
Bonaria Urai ist, soviel lässt sich sagen, eine außergewöhnliche Frau. Eines Tages hat sie beschlossen, mit einem Schlag zu altern und nurmehr als Tzia, als «Tante», Bonaria Urai durch die Gassen Sorenis zu wandeln, jenes kleinen sardischen Ortes, in dem sie seit Urzeiten lebt und Maß nimmt – an den Kleidern ihrer Kundinnen und ebenso an den Menschen, die ihr auf...
An den Kinospot erinnern sie sich heute noch in der Stadt: Zu sehen ist ein Opern-Vorsingen, die trällernden Damen klingen allesamt schrecklich. Plötzlich steht eine Besucherin auf, erklärt dem verzweifelten Opernchef auf der Leinwand keck, sie könne das besser. Der dreht sich um, blickt in den Kinosaal und gibt seinem Filmpianisten das Signal. Die Sängerin...
