Wagemutig

Massenet: Werther
Bologna | Teatro Comunale

Charlotte und Werther verheiratet? Eltern eines ansehnlichen Sohnes? Ergraute Ruheständler, die unter dem Weihnachtsbaum Goldene Hochzeit feiern? Von Anfang an sehen wir den Helden in einem abgewetzten Sessel sitzen, in großen Zügen harte Sachen trinken und mit einem Behältnis spielen, das jene fatalen Pistolen enthält, die er sich Ende des dritten Akts von Albert ausleihen wird. Wir haben es fraglos mit einer «provokanten» Inszenierung zu tun.

Rosetta Cucchi, bislang vor allem mit auf exzessive Gewalt fixierten Regiekonzepten aufgefallen, legte die action diesmal zweispurig an, in einer Art Nürnberger Puppenstuben-Ambiente: Die im Libretto geschilderten Ereignisse leben nur noch in Werthers Erinnerung, seine Gegenwart bildet die längst angebrochene Zukunft, nach der er sich damals, so Cucchis Hypothese, angeblich sehnte: nicht nach romantischer Ekstase, sondern nach dem bürgerlichen Ehestand. Doch das geordnete Glück scheiterte, weil Charlotte der toten Mutter verfallen war, in blindem Gehorsam. Durch fast alle Szenen spukt ihr Porträt. Die Handlung spult in Rückblenden ab, Doppelgänger «spielen» die erinnerten und imaginierten Figuren – bis der Film plötzlich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2017
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Carlo Vitali

Vergriffen
Weitere Beiträge
Pluderhosen

Während Wien im Dezember oft in diffuses, schattenloses Grau getaucht scheint, das so manchen in Schwermut stürzt; während die meisten Menschen zu Advent, der vermeintlich stillsten Zeit des Jahres, der Depression mit unbarmherziger Betriebsamkeit beizukommen suchen, schenkt die Wiener Staatsoper zumindest den Opernfundis das Glückshormon Serotonin: Endlich...

Rote Linie

Hübsch hier. Die verwinkelte Innenstadt, der langgestreckte Marktplatz, eingerahmt von sanierten Altbauten. Im Rathaus aus dem 16. Jahrhundert der obligatorische Ratskeller. An diesem Adventssonntag sind im ostthüringischen Altenburg einige Buden geöffnet, es riecht nach Bratwurst, aus den Lautsprechern dringt, etwas zu laut, nicht ganz so weihnachtliche...

Auf Entzug

Aus dem Nichts sollte es kommen, das langsame A-Dur-Vorspiel. Gleichsam aus vorzeitlicher Stille. Was die geteilten Streicher in den ersten «Lohengrin»-Takten zu spielen haben, scheint nicht von dieser Welt. Ein irisierendes Klanggespinst entsteht da, ein flirrendes Leuchten, magisch, mysteriös, von unwirklicher Schönheit. Musik, die auf Verführung zielt, uns...