Vor Sonnenuntergang
Sie waren sieben. Nein: acht. Einer überlebte. Der Vater. Alle anderen wurden nach Auschwitz deportiert und ermordet. Mehr als zwei Jahre lang hatten sie im Hinterhaus der Amsterdamer Prinsengracht 263 in einem Versteck gehaust, eingesperrt zwischen Hoffen und Bangen, unter Umständen, die man mit dem Wort komfortabel wohl kaum beschreiben mag, aufeinander angewiesen, einander ausgesetzt, sekündlich mit der einen Frage konfrontiert: Erscheint das Grauen? Steht die Gestapo plötzlich vor der Tür? Oder schaffen wir es, einsam, zweisam, gemeinsam? Am 4. August 1944 hatten sie Gewissheit.
Man hatte sie verraten, ihr Weg führte direkt in die Hölle.
Das Tagebuch der Anne Frank, bis heute Schullektüre nicht nur in Deutschland, erzählt von dieser Zeit, erzählt davon aus der Perspektive eines Mädchens, das einerseits begreift, in welcher Situation sie selbst, ihre Schwester und ihre Eltern, das Ehepaar Auguste und Hermann van Pels, deren Sohn Peter und Fritz Pfeffer (dem Zahnarzt, mit dem Anne ein Zimmer teilt) sich befinden, und dennoch Raum hat für Schwärmereien, Sehnsüchte und melancholische Tagträume. Das Böse, es existiert, auch in seiner erschütternden Banalität, aber es gibt eben auch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Jürgen Otten
Für das Teatro dell’Opera di Roma ist eine Saisoneröffnung mit Arrigo Boitos «Mefistofele» ein eher maßvoll ambitioniertes Unterfangen. Man kennt das Stück, dessen siebenstündige Erstfassung 1868 in Mailand weiland noch durchfiel (die auf weniger als die Hälfte eingekürzte Version setzte sich 1875 in Bologna durch) und in dem Boito eine Art Synthese von...
György Ligetis «Le Grand Macabre» ist der seltene und zudem höchst erfolgreiche Fall einer Buffa aus der Feder eines Avantgardisten. Die 1978 in Stockholm uraufgeführte musikalische Groteske vom Weltuntergang mit ihrem handfest-derben Libretto und den marionettenhaft überzeichneten Figuren wurde selbst an mittleren und kleinen Häusern gespielt – meist als Grand...
Gleich drei Mal reiste Igor Strawinsky von Los Angeles nach Baden-Baden, um im Hans-Rosbaud-Studio seine Werke einzustudieren und aufzunehmen. Auch Paul Hindemith, Luigi Nono, Olivier Messiaen und Karlheinz Stockhausen waren mehrfach zu Gast, der junge Pierre Boulez startete hier seine Karriere als Dirigent. Das 1950 in nur sechs Monaten für seinerzeit 500 000...
