Von Gipfel zu Gipfel

Der Mann kann viel, sehr viel. Was auch daran liegt, dass Michael Spyres Baritenor ist, also zwei Heimaten hat. Ein Porträt

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Es gibt Tage, an denen hat der liebe Gott besonders gute Laune, entsprechend milde sind seine Gaben. Als Michael Spyres 1979 in Mansfield, einer beschaulichen Ortschaft im US-Bundesstaat Missouri, das Licht der Welt erblickte, war so ein Tag. Gleich zwei Stimmen schenkte Gott dem Sängerknaben – ein immenser Vorteil, weil die Zahl der Partien, die Spyres im Verlauf seiner Karriere würde singen können, weit höher lag als gewöhnlich. Der Baritenor hat davon ausgiebig Gebrauch gemacht: Virtuos wandelt er zwischen den Lagen und Epochen, aber seine erkennbare Vorliebe gehört seit einiger Zeit den Partien, die ein gewisser Richard Wagner komponierte. Zu bestaunen war dies wieder einmal bei den Bayreuther Festspielen 2025, wo Spyres sowohl den stolzen Stolzing als auch den Siegfried-bringenden Siegmund sang, und das mit einer Wucht und Verve, die das im weiten Rund versammelte Publikum förmlich von den Sitzen riss. Zu erleben war am Grünen Hügel eine Dispositionskraft, die vor allem bei Stolzing zu einer famosen, geradezu exemplarischen Interpretation führte. Singen als die natürlichste Sache der Welt. Und als hohe Kunst.

Der Zorn Gottes ist längst verraucht, das Flehen um Gnade blieb, aber so will es ja das Stück, unerhört – da braucht es einfach ein kühles Bier, hier, im Schatten des Mönchsbergs. Ein paar Stunden liegt die «Messa da Requiem» zurück. Dazwischen ein Lunch auf Einladung von Riccardo Muti («So etwas kann man nicht absagen!»), und nun setzt langsam die Relax-Phase ein für Michael Spyres. Anzusehen war ihm die Anspannung in der Salzburger Feiertags-Matinee nicht. Meist lauschte er mit geschlossenen Augen den Kolleginnen und Kollegen.

Und bei seinen beiden großen Soli, bei «Ingemisco» und «Hostias», erlebte man ein Paradox: extreme Nuancierung, doch kein Takt theatral ausgestellt. Jeder Ton kontrolliert, eine Atemtechnik, als habe da jemand ein Sauerstoffgerät zugeschaltet, und dennoch eine Gestaltung wie aus dem Augenblick. Sehr souverän, sehr abgeklärt, sehr cool. Oder doch nicht? «Das mag so aussehen. Aber schauen Sie: Salzburger Festspiele, Muti, Wiener Philharmoniker, Radio-Übertragung, da kommt schon einiges zusammen.» Und dennoch habe er das Gefühl, es sei wie für ihn geschrieben. Das mag ein bisschen eitel klingen, ist aber nicht so gemeint. Zumal der «Sänger des Jahres» Recht ...

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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: Sänger des Jahres, Seite 16
von Markus Thiel

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