«... dass die Empfindung einzig retten kann»

Sie waren Seelenverwandte auf dem Boulevard Solitude – die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und der Komponist Hans Werner Henze. Porträt einer höchst ungewöhnlichen, anders geformten Liebes-Beziehung

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Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze begegneten sich erstmals am 31. Oktober 1952 bei der Herbsttagung der Gruppe 47 auf Burg Berlepsch. Henze begleitete Wolfgang Hildesheimer, der dort das Libretto ihrer im Entstehen begriffenen Funkoper «Das Ende einer Welt» vorstellte. Bachmann las Gedichte aus dem noch nicht erschienenen Band «Die gestundete Zeit», für den sie bei der nächsten Tagung im Mai 1953 den Preis der Gruppe 47 erhalten sollte.

Mehr als vier Jahrzehnte später vergleicht Henze in seiner Autobiographie «Reiselieder mit böhmischen Quinten» die «elfenhafte», überirdische Erscheinung der gleichermaßen scheuen wie selbstbewussten jungen Dichterin mit einer «Nachtigall». Für die am 25. Juni 1926 geborene, noch gänzlich unbekannte Lyrikerin aus Österreich und den um genau eine Woche jüngeren Komponisten aus dem westfälischen Gütersloh, der sich in den Avantgarde-Zirkeln von Darmstadt und Donaueschingen bereits einen Namen gemacht hatte, war es, wie zuvor mit Paul Celan und später Max Frisch, ein coup de foudre, eine Epiphanie. Obgleich auch hier die erotische Anziehung zumindest für Bachmann eine Rolle gespielt haben dürfte, war der primäre Anlass für beide doch ein ...

Sie waren ein Traumpaar, wenngleich nur in platonischer Hinsicht. Was die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und den Komponisten Hans Werner Henze zunächst verband, war das Datum ihrer Geburt: Beide kamen 1926 zur Welt, und beide sahen sich mit politischen wie gesellschaftlichen Friktionen konfrontiert, die dazu führten, dass sie ihr jeweiliges Land verließen, um in Italien ihr Glück zu suchen. Die exklusive und besondere Künstlergemeinschaft, die sie miteinander verband, nannte Bachmann einmal sehr zutreffend «eine andere Liebe». Neben der persönlichen Nähe führte diese Liebe auch zu einer intensiven Zusammenarbeit in Sachen Musiktheater: Henze vertont unter anderem Bachmanns «Monolog des Fürsten Myschkin» wie auch ihren Text «Zikaden», ein Spiel über die totale Desillusionierung von Menschen, die sich auf einer abgelegenen Insel ganz ihren Träumen und Wünschen hingeben und darüber ihr Leben verfehlen. Thematisch ähnlich sind auch die beiden Opern, zu denen Bachmann das Libretto schreibt – «Der Prinz von Homburg» nach Kleist und «Der junge Lord» nach einem Prosatext von Wilhelm Hauff. Beide Werke sind ein Spiegel jener Lebensfreundschaft, die diese Künstler pflegten.

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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: 100. Geburtstag Henze und Bachmann, Seite 78
von Uwe Schweikert

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