Verniedlichung
Mögen sie Humanität durch unblutigen Tod vorspiegeln wie immer sie wollen – Hinrichtungen sind mit den erreichten zivilisatorischen Standards nie je vereinbar. Auf der Bühne des Detmolder Landestheaters wird die von Staats wegen angeordnete Barbarei dennoch bis zur Harmlosigkeit herabgedimmt. Delinquent Joseph De Rocher findet sich auf einer gewöhnlichen Wartezimmer-Stuhlreihe wieder, um die tödliche Injektion zu erhalten. Die Exekution geschieht beiläufig. Keine Spur vom Entsetzlichen des staatlich ritualisierten Tötens.
Wenn das EKG akustisch den Herzstillstand des Delinquenten signalisiert, löst das (zu) wenig Beklemmung aus. Die Betroffenheit hält sich in Grenzen. Das liegt auch daran, dass Detmolds regieführender Intendant Georg Heckel den Todgeweihten manchen Opernfiguren des 19. Jahrhunderts angleicht. Hier ein wenig Florestan, dort eine Prise Samson. Fatalerweise färbt das auf die Beziehung des Mannes im Todesblock zu seiner spirituellen Begleiterin ab. De Rocher und Sister Helen Prejean tendieren in Heckels Lesart zum konventionellen Liebespaar. Kriechen Delinquent und Ordensschwester dicht an dicht über den Boden, so scheint es eine Verwechslung zu geben zwischen Amor und ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Michael Kaminski
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