Verlorene Paradiese
Das Publikum steuerte dieses Jahr nicht das Theaterhaus, sondern ein Internetportal an. Die Epidemie ließ Eclat, dem Festival Neue Musik Stuttgart, in seinem 41. Jahr keine andere Chance als diese Hybrid-Form. Am Eröffnungsabend ging man ab 19 Uhr live vor leeren Reihen aus dem angestammten und beliebten Festivalort auf Sendung. Grund genug, melancholisch zu werden.
Wer hätte gedacht, dass man auf den bequemen Gang zum heimischen Kühlschrank während der Pausen gerne verzichtet und sich dort lieber im Foyer gedrängelt hätte, um an der Bar einen Trollinger zu bestellen …
Mit bewährter Emphase, den Umständen trotzend, bestritten die Neuen Vocalsolisten (fabelhaft: Johanna Vargas, Susanne Leitz-Lorey, Truike van der Poel, Martin Nagy, Guillermo Anzorena, Andreas Fischer) die sieben Uraufführungen dieses ersten Konzerts. Es war der Musikszene des Libanon gewidmet, in der westliche Orientierung und autochthone Tradition zusammenfließen. Zwischen den Werken sah der Festivalbesucher am Rechner eine virtuelle Video-Installation von Panos Aprahamian, Titel »Assemblages» – Bilder aus dem Libanon, Plansequenzen auf Landschaften aus einem Flugzeugfenster, über eine Strandpromenade hinweg aufs ...
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Opernwelt März 2021
Rubrik: Magazin, Seite 59
von Götz Thieme
Die Provokation war evident, ästhetisch wie ideologisch. Heiner Müllers «Sechs Punkte zur Oper», zwei Jahre nach der Uraufführung von Paul Dessaus Musiktheater «Lanzelot» auf ein Schauspiel von Jewgeni Schwarz formuliert, trafen ins Mark eines Staates, der sich von Anbeginn an nicht sicher war, wie er mit seinen Künsten zu verfahren hatte. Das bewies schon allein...
Thetis galt als die schönste Tochter des Meeresgottes Nereus; Peleus wiederum war ein normaler, sterblicher Mann, vielleicht ein bisschen der Typus macho mediterraneo. Als er die in einer Grotte schlafende Nymphe sah, überwältigte er sie und ließ sie nicht mehr los, obwohl sie sich ihm durch allerlei Zaubertricks zu entziehen suchte. Doch sein respektloses Zupacken...
Das in der Oper über Jahrhunderte fruchtbar bestellte Konfliktfeld zwischen privater Passion und politischer Pflicht war schon zu Lebzeiten Antonio Salieris ein altes Lied. Er besang es neu, indem er sich, wie bereits Lully oder Händel vor ihm, Torquato Tassos «Gerusalemme liberata» vornahm. Marco Coltellini, Geburtshelfer der Opernreform von Salieris Mentor...
